Die nächsten Tage passte ich auf, ob er sich irgendwie anders verhielt,
oder ob er Anstalten machte, etwas zu sagen, aber er tat nichts.
Natürlich tat er nichts. Was wollte, was konnte er schon tun? Allen
sagen, dass ich nicht so war, wie ich mich gab?
Ah, große Überraschung! Wer war das schon.
Sogar wenn er ihnen sagen würde, dass ich ihnen nur vorspielte, sie zu
mögen: Wer würde ihm glauben? Einem Außenseiter wie ihm? Beweise hatte er
schließlich keine.
Und irgendwie konnte ich ihn mir nicht als Petze vorstellen – Petzen
waren entweder feiger oder temperamentvoller und vor allem ambitionierter, denn
irgendetwas wollten sie schließlich mit dem Petzen erreichen. Ehrgeiz aber war
etwas, das man bei Rubin nie sah. Der Unterricht schien ihn nicht zu interessieren,
die Mitschüler sowieso nicht, er war zwar Schulratspräsident, aber in keiner AG
und er gehörte auch nicht zu den Leuten, die ein Buch oder Musik mitbrachten,
um sich nicht mit den anderen unterhalten zu müssen; er tat es einfach so
nicht.
Also begann ich mich zu entspannen und nach einer Woche war ich wieder in
meinem üblichen Trott, Rubin hin oder her. Auch dass er neben mir saß
veränderte nichts. Das Spiel war immer dasselbe: Ich fuhr morgens mit dem Rad
zur Schule, unterhielt mich mit Theo und den anderen bis der Lehrer kam, Rubin
setzte sich beim zweiten Läuten ohne ein Wort neben mich, in den kurzen Pausen
unterhielt ich mich mit Theo & Co. und in der Mittagspause ging
ich – ganz der Gentlemen – zu Fee, um mit ihr und ihren
Freundinnen zu essen, da wir sonst so gar keine Zeit miteinander verbringen
würden – das hätte mir nicht viel ausgemacht, aber ihr wisst ja, wie
Mädchen sind. Und weil ich es auch wusste und jede Mittagspause wieder
miterleben durfte, war ich froh, dass meine Freunde bald auch mitkamen, da ich
und Fee ja sowieso nicht alleine waren. Danach war wieder Schule und wenn die
überstanden war, ging ich mit Fee zum Fahrradständer, holte mein Rad,
begleitete sie noch zur Bushaltestelle und war dann endlich erlöst.
Fee war, wenn ich das überhaupt erwähnen muss, natürlich meine
Freundin – ansonsten hätte ich nicht so viel Zeit mit ihr
verschwendet.
Mit Rubin sprach ich nur das Nötigste und das hieß im Klartext: Nur das,
was während irgendwelchen Gruppenaufgaben im Unterricht unumgänglich
war – zu meinem Glück aber bevorzugte er es auch, den Zusatz Arbeitet
in Zweiergruppen mit eurem Nachbarn zu ignorieren und möglichst viel
alleine zu lösen. Ein Hoch auf seine Asozialität!