Fantasiefrühstück, Volldeppen, Ankündigungen und etwas Zeit.
Unter meiner Bettdecke war es
warm, in der Wohnung herrschte Stille und ich war seltsam zufrieden. Ich ließ
die Augen noch einen Moment geschlossen und drehte mich auf die Seite. Die
Matratze neben mir war auch warm.
Irgendwo in meinem Kopf
murmelte eine leise Stimme, dass ich die Augen öffnen und dem Tag
entgegentreten musste, aber an der Art, wie sie es murmelte, merkte ich, dass
etwas Unangenehmes auf mich wartete. Nein, das wollte ich nicht. Mir war doch
gerade so wohl und ich war entspannt und alles war gut. Und wie sollte ich auch
nicht entspannt sein? Nachdem ich gestern endlich –
Ach.
Du.
Verdammte.
Scheiße!
Mischa. Und ich. Zusammen, in
meinem Bett, ineinander verschlungen –
Scheiße.
Ich lauschte, aber es
herrschte immer noch absolute Stille in meinem Zimmer. Als ich meine Lider hoch
zwang, bestätigte sich mir mein Verdacht: Mischa war nicht hier, nicht in
meinem Bett, nicht in meinem Zimmer.
Eigentlich sollte ich froh
darüber sein. Hatte ich nicht eben, als ich mich an die letzte Nacht erinnert
hatte, eine Millisekunde lang Panik gehabt, er könne zu viel
hineininterpretiert haben? Ich sollte froh darüber sein, dass er offenbar gar
nichts hineininterpretiert hatte. Dass ihm klar war, dass es nur ein
zombieinduzierter Ausrutscher gewesen war, nichts weiter.
Ohne Bedeutung.
Das sollte echt nicht wehtun,
denn das war es doch, was ich gewollt hatte.
… Wie sagte man noch? ‚Sei
vorsichtig, was du dir wünscht.‘ Tja, die Omis dieser Welt hatten wohl doch
nicht ganz Unrecht.
Obwohl mir das Gegenteil ja
auch nicht Recht gewesen wäre, seien wir doch mal ehrlich. Wenn Mischa wirklich
gedacht hätte, dass das jetzt bedeutete, dass wir – keine
Ahnung – zusammen? – kommen würden, dann hätte ich ihn enttäuschen
müssen. Ich konnte schließlich nicht mit Mischa zusammen sein, denn ich
vertraute Mischa nicht. Oder Männern wie Mischa. Oder beidem.
Auch wenn ich mich gestern
bei ihm sicher gefühlt hatte … aber auch nur vor Zombies, und vor
denen hätte ich mich bei jedem Kerl, der dreimal so stark war wie ich, sicher
gefühlt. Genau.
Anita hatte Recht, ich sollte
wirklich anfangen, selbst zu trainieren, damit ich so was nicht mehr nötig
hatte. Ich würde mich gleich Montag beim Unisport anmelden. Und dann konnte es
sich nur noch um ein, zwei, dreißig Jahre dauern, bis ich ein anständiges Maß
an Muskelmasse aufgebaut hatte.
Klo.
Ich seufzte, schlug die Decke
zurück und stand auf. Offenbar hatte ich es gestern nicht mehr für nötig
empfunden, mir wieder etwas anzuziehen, obwohl ich eigentlich nicht nackt
schlief. Ich holte mir frische Unterwäsche und ein Shirt hervor, zog beides an
und ging ins Wohnzimmer.
Aus der Küche kamen
Geräusche. Wunderbar. Ich nahm nicht an, dass Thomas schon zurück war, also
konnte das nur Mischa sein. Eigentlich hätte ich gern eine kleine Schonfrist
gehabt, bevor ich ihm gegenübertreten musste, aber da wir zusammen wohnten, war
mir das nicht vergönnt. Dennoch, aufs Klo durfte man ja vorher noch.
Klo, Händewaschen,
Katzenwäsche, Zähneputzen. Am liebsten wäre ich gleich noch unter die Dusche,
weil es das Unausweichliche noch etwas hinausschieben würde und weil ich dann
nicht mehr das Gefühl hatte, nach ihm, nach uns zu riechen, aber ich verbot es
mir. Je schneller ich es hinter mir hatte …
Als ich in die Küche kam,
goss Mischa gerade Orangensaft in eines von zwei Gläsern. In nichts als einem
Paar schwarzer, enger Pants. Hatte er denn kein Erbarmen?
Er sah auf und lächelte mich
offen an. „Hey.“
Dann stellte er den O-Saft
hin, kam auf mich zu und legte seine Hände auf meine Hüften, direkt unters
T-Shirt. Die Fingerspitzen der rechten Hand waren von Tetrapack ganz kühl.
„Guten Morgen“, sagte er mit
rauer Stimme und zog mich für einen langen Kuss an sich. Ich schmolz. Mir war
entfernt bewusst, dass ich das nicht vorgehabt hatte, aber sobald Mischas
Lippen meine – ach was, sobald seine Hände meine Haut
berührt – oder vielleicht sogar: Sobald sein Blick auf meinen
getroffen war, hatte sich mein Hirn in Gemüsebrei verwandelt. Und er küsste
auch immer noch so verdammt gut, dass ich den Kuss nicht von selbst
beenden konnte.
„Hättest du zehn Minuten
länger geschlafen, hätte ich dir das Frühstück ans Bett gebracht“, raunte er
gegen meine Lippen, „Selbst schuld.“
Ähm …
„Tut mir leid?“
„Das sollte es auch“, sagte
er, lächelte aber dabei, „aber weil ich heute gute Laune habe, gebe ich dir
ausnahmsweise die Chance, es wieder gutzumachen.“ Eine seiner Hände wanderte
wie nebenbei in mein Kreuz und er fing an, dort mit dem Zeigefinger kleine
Kreise zu ziehen. „Und alles, was du dafür tun musst, ist, zurück ins Bett zu
gehen und da auf mich zu warten. Was sagst du?“
Ich sollte das nicht tun. Ich
sollte mich nicht noch länger der Fantasie hinge–
„Ich glaube, das kriege ich
gerade so hin.“
Das Lächeln wurde breiter
und … entspannter? War es denn vorher angespannt gewesen?
„Gut.“ Noch ein
hirnzellenvernichtender Kuss, dann ließ er von mir ab und wandte sich wieder
dem Orangensaft zu.
Ein paar Sekunden lang stand
ich unschlüssig da, aber als er mir keine weitere Beachtung schenkte, drehte
ich mich schließlich um und ging zurück in mein Zimmer. Auf halbem Weg blieb
ich kurz stehen und wäre fast zurückgegangen um ihm zu sagen, dass ich das
nicht konnte, aber dann entschied ich mich doch dagegen. Ein Fantasiefrühstück
sollte ja wohl drin liegen.
Es dauerte nicht lange, bis
Mischa die Tür mit der Schulter aufstieß und in seiner ganzen halb nackten
Pracht hineinkam – nur noch besser, weil er Toast, Butter, Käse,
Aufschnitt, Marmelade, O-Saft, Kaffee, Milch und ein Schüsselchen Schokopops
dabei hatte, auf zwei Betttischchen verteilt.
„Wusste gar nicht, dass wir
so was haben“, rutschte es mir raus. Toll, ich glänzte einmal mehr mit
intelligenten und passenden Kommentaren.
„Hab ich von Thomas geklaut“,
erwiderte er grinsend, bevor er innehielt und mich kritisch musterte. „Aber
Milo“, säuselte er dann, „für mich hättest du dir doch nichts anziehen müssen.“
„Das T-Shirt hatte ich eben
auch schon an.“
„Da hab ich es großzügig
ignoriert.“ Er stellte die beiden Tischchen sorgfältig auf meinen Schreibtisch
ab und kam dann auf mich zu wie der Panther auf die sichere Beute. „Du hast so
eine schöne warme Decke“, sagte er, als er ein Knie auf die Matratze stützte
und sich über meine Beine schwang, „da brauchst du das doch gar nicht.“
Ich hätte etwas sagen sollen,
ganz sicher, aber Mischas Oberkörper in Griffweite am frühen Morgen war zu viel
für mich – und das, obwohl ich den Oberkörper fast nicht mitbekam,
weil seine Augen schon wieder dieses Funkeln hatten, bei dem mir ganz anders
wurde.
Er nahm den Saum und schob
ihn etwas nach oben. „… Oder?“
Wann hatte er sich denn schon
wieder so nah zu mir gebeugt, dass ich seinen Atem auf meinen Lippen spüren
konnte? So nah, dass meine Nase gegen seine stieß, als ich den Kopf schüttelte.
So nah, dass ich sicher war, dass er hören konnte, wie sich mein Herz
beschleunigte, als er wieder dieses zufriedene Lächeln lächelte.
„Hab ich mir doch gedacht“,
murmelte er und zog mir das Shirt ruck, zuck aus. Gestern Nacht hatte er –
Lippen, Zunge, Zähne,
Hirnausfall. Hände auch, auf mir, an mir, um mich, in meinen Haaren. Meine
eigenen Lippen, Zunge und Zähne taten auch längst nicht mehr das, von dem ich
dachte, dass das Beste für alle Beteiligten war, sondern erwiderten die Gesten.
Und meine Hände fanden seinen Knackarsch und weigerten sich, da wieder weg zu
gehen.
„Vielleicht sollten wir erst
was essen?“ Er löste sich von mir und grinste schief. „Bevor Kaffee und Toast
kalt werden?“
Ich nickte leicht benommen. Wenn
er aufhören konnte, konnte ich das auch. Bestimmt.
Mischa stand auf und holte
eines der Tischchen, um es über meinem Schoss zu platzieren.
„Willst du dich nicht richtig
aufsetzen?“
Ich stutzte, verstand einen
Moment lang nicht, nickte dann wieder und schob mich zurück, bis ich mit dem
Rücken an das Kopfende des Bettes lehnen konnte. Er stellte das Tischchen hin.
Er hatte alles, was ich gern
zum Frühstück aß, schön angerichtet, sogar inklusive einer gefalteten
Papierserviette. Das war … nett. Süß. Romantisch, fast. Ich hatte
nicht viel mit Romantik am Hut, aber ich war mir ziemlich sicher, dass
Frühstück am Bett als romantisch galt. Ich sah zu Mischa auf, der sich
eben – immer noch lächelnd – mit dem zweiten Tischchen in
den Händen umdrehte, und – und wünschte mir von einer Sekunde auf die
andere, dass er doch mitten in der Nacht in sein eigenes Zimmer zurückgegangen
wäre.
Das ging mir alles zu
schnell, auch wenn es für andere vielleicht ein Schneckentempo war. Das gestern
war nicht geplant gewesen – es war vielmehr das Gegenteil von dem,
was geplant gewesen war – und jetzt das hier, und die Küsse
und –
„Milo.“ Mischas Stimme war
ruhig und sanft, aber das Lächeln war verschwunden. „Es ist nur ein Frühstück.“
War es das? Er konnte mir
doch nicht ernsthaft einreden wollen, dass das eine normale Geste war. Wenn,
dann hätte er mir schon früher mal Essen ans Bett gebracht – oder
auch Thomas.
„Okay?“
Ich glaubte ihm nicht. Ich
glaubte ihm nicht und wollte ihm sagen, dass das nichts brachte, dass es nichts
ändern würde, aber die Bitte in seiner Stimme war so deutlich, der Ton so
dringlich … Plötzlich war ich mir sicher, dass er wieder diesen
enttäuschten, traurigen Ausdruck von gestern bekommen würde, wenn ich das
täte – und was da am Ende bei herauskam, hatte ich ja am eigenen Leib
erfahren: Zombiehölle und Mischaerlösung, die alles nur noch komplizierter
machte. Und auch wenn ich diesmal
wohl – hoffentlich – schlau genug wäre, nicht noch einmal
einen Film seiner Wahl als Wiedergutmachung vorzuschlagen, wollte ich den
Gesichtsausdruck nicht wieder sehen müssen. Nein, den galt es zu verhindern, zu
unser beider Bestem.
Also nickte ich. Ich würde
mir während des Frühstücks überlegen, wie ich meinen unveränderten Standpunkt
klarmachen konnte, ohne den Blick von gestern heraufzubeschwören.
Mischa kam zu mir, gab mir
sein Tischchen kurz zum Halten und nahm es mir wieder ab, als er sich neben
mich gesetzt hatte. Ganz nah neben mich, gezwungenermaßen, so breit war mein
Bett nämlich nicht. Oh Mann.
„Guten Appetit.“ Sein Lächeln
war um einiges schiefer als zuvor, aber noch im grünen Bereich. Und wenigstens
war es so nicht allzu anders als mein eigenes, das momentan auch keine Preise
gewinnen würde.
Ich wollte mich gerade dem
Essen zuwenden, da legte er eine Hand an mein Gesicht, drehte es wieder zu ihm
und küsste mich. Ohne Zunge und Trara, aber dennoch hätte ich schwören können,
dass der Kuss Tote zum Leben erwecken konnte. Niemand hätte sich davon abhalten
können, ihn zu erwidern. Niemand.
Mischa sagte nichts, als er
sich wieder aufsetzte und zu essen begann, aber das Lächeln strahlte wieder
symmetrisch.
***
Die Schokopops knusperten in
meinem Mund und Mischa neben mir biss gerade herzhaft in sein zweites Stück
Toast.
Hm.
Die Stimmung war nicht direkt
unangenehm, Mischa zumindest schien entspannt, aber mir behagte die Stille
nicht. Vor allem, da ich gedanklich keinen Schritt weiter war. Jedes Mal, wenn
ich mich daran machte, nach einer möglichst klaren, aber behutsamen
Formulierung für „Mit dir rumzumachen war ein Fehler und ist nur auf die
blutverschmierten Untoten zu schieben“, zu suchen, kamen die Bilder von gestern
auf und das Gefühl von Mischas Küssen und – Scheiße, er küsste
wirklich verflucht gut! Und es fühlte sich so … natürlich an.
Und mehr als einmal hörte ich
ihn sagen, dass er Bedingungen stellen würde, wenn ich noch mal wollte. Oder
noch mehr wollte. Bedingungen. Mehrzahl. Was denn noch, außer der
ersten, die ich sowieso schon mal nicht erfüllen konnte – wenn ich
sie denn richtig interpretiert hatte?
Ich schielte zu ihm herüber,
betrachtete sein Gesicht im Profil, von den auf den Teller gerichteten Augen
über die Nase bis zu den Lippen, an deren oberen Rand ein bisschen Marmelade
klebte.
Hm.
Ich müsste mich nur ein wenig
aufsetzen, mich recken und könnte –
„Was ist?“
Natürlich musste er meinen
Blick bemerken und sich zu mir drehen. Natürlich musste er auch mindestens die
Hälfte meiner Gedanken in besagtem Blick lesen und so frech schmunzeln.
Natürlich musste er auch morgens so verdammt gut riechen.
„Nichts. Du hast da
Marmelade.“
Er hob die Augenbrauen und
wischte sich mit dem Daumen über den Mundwinkel – und zwar den auf
der Seite, die ich eben gar nicht sehen konnte.
„Weg?“
Ich knurrte bei seinem
gespielt unschuldigen Tonfall auf, unterbrach den Blickkontakt aber nicht, als
ich den Kopf schüttelte. Die Aufforderung in seinen Augen war nur allzu
deutlich und er war mittlerweile auch so nah, dass ich wirklich problemlos
hinkäme. Und Mischa dachte wohl auch gar nicht erst daran, sich wieder zu
entfernen oder das dumme Blaubeerstückchen selbst wegzumachen – nein,
es machte ja auch mehr Spaß, wenn man damit arme, leicht zu überfordernde
Mitbewohner aus dem Konzept bringen konnte.
Es war ja ein
Fantasiefrühstück. Nur eines, danach war Schluss. Und wenn ich schon nur ein
einziges Fantasiefrühstück bekommen würde, konnte ich mich dabei auch um
verirrten Brotaufstrich kümmern. Außerdem hatte ich eh vor ein paar Minuten
noch seine Zunge in meinem Mund gehabt. Theoretisch würde das den Braten nun
auch nicht mehr –
Ah! So ’ne gequirlte Scheiße!
Ich streckte mich das kleine
verbleibende bisschen und leckte seine Lippen sauber. Ich spürte, wie sie sich
zufrieden verzogen und biss ihm strafend in die Unterlippe. An Mischas
Zusammenzucken merkte ich, dass es fester als geplant gewesen war, aber er
beschwerte sich nicht, sondern öffnete den Mund und kam mir entgegen.
Darauf kam es nun auch nicht
mehr drauf an, sagte ich mir und legte eine Hand in seinen Nacken.
Der nächste Löffel Schokopops
war bereits eklig matschig und ich ließ ihn grummelnd sinken. Dann doch lieber
Toast.
„Gib her, ich stell’s weg.“
Ich brummte, gab ihm das
Schüsselchen und nahm das Messer, um den Toast zu bestreichen. Meine Lippen
pochten immer noch leicht – der Kuss eben war etwas ausgeartet, bis
ich gegen mein Tischchen gestoßen war und fast den O-Saft verschüttet hätte. Es
war schön zu wissen, dass ich zumindest auf die Weise in der Lage war, einen
Kuss mit Mischa zu unterbrechen.
Bedingungen, hatte er gesagt.
Was für Bedingungen stellten
die Leute normalerweise an andere in solch einer Situation, abgesehen von der,
die er schon angesprochen hatte? Stellten die Leute normalerweise
überhaupt klare Bedingungen? Ich hatte Michael keine solche Ansage gemacht, er
mir auch nicht. Aber vielleicht hätte ich es tun sollen und dabei die Klausel
„Der einzige, der mit erhobenem Arsch vor dir in unserem Bett liegen darf, bin
ich“ einfügen sollen.
… Wobei, dann hätte er
den Spargeltarzan wahrscheinlich auf dem Fußboden genommen.
Ich schnaubte und zog meinem
Kopfkino den Stecker. Hier ging es nicht um Michael. Ich biss in den Toast und
kaute darauf herum, als ob ich ihn zu meinem persönlichen Feind erkoren hätte.
Mischa und seine verdammten
Bedingungen!
Ich wollte, konnte ja nicht
mit ihm zusammen sein, also konnten sie mir auch am Arsch vorbeigehen. Genau.
***
Das Frühstück war verputzt,
die Tischchen hatte Mischa eben auf den Boden gestellt. Nun saßen wir steif auf
dem Bett, wartend. Ich darauf, dass Mischa aufstand und das Frühstück offiziell
beendet war; dass ich ihm sagen musste, dass … dass wir von nun an
wieder so miteinander umgehen sollten, wie vor gestern Nacht. Ja, das würde
sicher verdammt gut ankommen, ‚Nur ein Frühstück‘ hin oder her.
Warum hatte ich auch nicht
langsamer gegessen? Hätten wir uns dabei unterhalten, wären wir jetzt noch
nicht fertig. Aber ich hatte einfach nicht gewusst, worüber ich mit ihm reden
sollte. Meine Gedanken waren nicht über den Bedingungen-Mist hinausgekommen,
egal, wie sehr ich sie gepeitscht hatte. Sie steckten fest.
Und was meine Wortwahl,
sobald das Frühstück beendet war, anging, war ich natürlich auch noch nicht
weiter. Ich schwenkte die letzte Pfütze Orangensaft in meinem Glas. Es würde
eine Katastrophe werden. Und jede Minute, die wir so einträchtig verbrachten,
machte es nur noch schlimmer. Hätte ich ihm nach dem Aufstehen gleich gesagt,
dass sich nichts geändert hatte, dann wäre das scheiße gewesen, aber
wahrscheinlich hatte er da damit gerechnet – er hatte
angespannt ausgesehen. Es wäre fair gewesen. Man sollte anderen Menschen keine
Hoffnungen machen, wenn man wusste, dass man sie nicht erfüllen konnte. Und je
schneller man die Hoffnungen zerschlug, desto besser. Es hatte beim ersten Mal
wohl nicht richtig funktioniert, aber … aber …
„Was für Bedingungen?“
Ich erstarrte. Das hatte ich nicht –
Mischa sah mich an und
grinste zufrieden.
Scheiße. Ich wollte doch
nicht fragen! Immerhin war schon die erste ein No-Go und Mischa eben Mischa
und –
Er legte seine Hand an mein
Glas, führte es an meine Lippen und kippte es, so dass ich den letzten Schluck
austrank. Dann stellte er es weg.
„Warum fragst du?“, fragte er
süffisant und war schneller über mir, als ich die Frage verstehen konnte. „Hast
du etwa Lust, etwas nachzuholen?“
Die Bilder, die mir beim
rauen Klang der Worte durch den Kopf schossen, waren eine Mischung aus gestern
Nacht und … mehr. Ich erschauderte und schüttelte den Kopf,
einerseits, um den Kopf frei zu kriegen, andererseits, weil ich ihm endlich
sagen musste, dass –
Mischa küsste mich hart und
bestimmend und legte damit effektiv alle Gegenwehr lahm. Es war unfair, dass
ich mich nicht wehren konnte, unfair, dass mein Körper von alleine reagierte.
Unfair, dass sich mein Bauch so wunderbar schmerzhaft zusammenzog. Und zu allem
Übel hatte ich auch noch das Gefühl, dass besagte Reaktionen jedes Mal heftiger
wurden.
Als er sich von mir löste,
wiederholte er: „Warum fragst du?“
Sein Atem streifte über meine
Lippen und sein Blick nagelte mich fest. Ich sollte ihn von mir schieben, das
wusste ich, aber ich konnte mich nicht dazu überwinden. Außerdem hätte ich in
dem Moment nichts gegen eine Wiederholung von letzter Nacht
gehabt – allerdings nur eine Wiederholung, keine Weiterführung mit
Bedingungen.
„Nur so.“
Mischa schwieg. Sah mich
einfach nur an und schwieg. Seine Brust hob und senkte sich regelmäßig am Rande
meines Sichtfelds, seine Haut war nah genug an meiner, dass ich die Wärme
spüren konnte, die von ihr ausging.
Er schwieg immer noch.
Ich hielt dem Blick noch ein
paar Sekunden stand, dann schnaubte ich unwillig. „Es interessiert mich eben.“
Da, ein kleines Lächeln.
„Was genau interessiert
dich?“
„Na, die anderen
Bedingungen.“
„Welche anderen Bedingungen?“
Wollte er mich verarschen?!
Er wusste verdammt noch einmal genau, welche scheiß Bedingungen ich meinte!
„Das weißt du“, knurrte ich
deshalb.
Seine Augen funkelten
amüsiert. „Woher sollte ich, wenn du es mir nicht sagst?“
„Mischa!“
Seine Lippen streiften meine
beschwichtigend und er murmelte: „Tu mir doch den Gefallen.“
Na toll, wie sollte ich
dagegen denn eine Chance haben?
„Die Bedingungen, die du an
Leute stellst, die …“ Ich brach ab. ‚… die mit dir schlafen wollen‘
hörte sich viel, viel zu willig an. Aber genau darum ging’s schließlich.
Und eigentlich hatte ich kein Recht zu fragen, wenn ich sie sowieso nicht
erfüllen –
„… mit denen du schlafen
willst“, beendete ich den Satz. Ob ich sie nun erfüllen konnte oder nicht
änderte nichts daran, dass ich schon den ganzen Morgen an sie dachte und nun,
da ich es angesprochen hatte, würde ich es auch durchziehen. Peinlicher konnte
es eh nicht mehr werden.
Mischa lächelte an meinen
Lippen, dann entfernte er sich, bis wir uns wieder bequem ins Gesicht sehen
konnten.
„Die erste und wichtigste
kennst du.“
Ich nickte. „Keinen
One-Night-Stand oder eine Affäre, du bist altmodisch“, wiederholte ich seine
Worte und seufzte. „Aber … kannst du bitte die Umschreibungen
lassen?“
Er musterte mich einige
Momente, bevor er sich aufsetzte, bis er auf meinen Beinen saß. Er zögerte
kurz, dann fragte er: „Du willst Klartext?“
Ich nickte. Ja, bitte. Ich
wollte nichts interpretieren müssen, wollte keine Chance, falsche Schlüsse zu
ziehen. Ich wollte klipp und klar hören, warum ich nicht mit ihm zusammen sein
konnte. Nach diesem Morgen würde meinem Bauch die Erinnerung gut tun.
„Vielleicht besser so“,
murmelte er mehr zu sich selbst und legte die Hände auf meine Brust. Dennoch
war die folgende Pause lang genug, um mich meinen schnellen Herzschlag bemerken
zu lassen.
„Ich will eine Beziehung“,
fing er schließlich an, „eine monogame; mit offenen kann ich nicht
umgehen. Und ich will mich nicht verstecken müssen. Wenn ich jemanden mag, dann
zeige ich das gern und häufig, auch in der Öffentlichkeit – kein
dauerndes Rumknutschen oder Turteln, aber wenn ich in der U-Bahn Lust bekomme,
meinen Freund zu küssen, oder seine Hand halten will, dann will ich das tun
können. Keine Heimlichtuerei.“
Na ja, das an sich wäre kein
Problem, immerhin war ich schon seit Jahren geoutet. Und ich war auch niemand,
dem Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit unangenehm waren. Die Öffentlichkeit
konnte mich kreuzweise, vor allem der homophobe Teil davon.
„Und ich will ein
integrierter Teil seines Lebens werden. Die Eltern kennenlernen, ihn mit zu
meinen nehmen.“ Ein kleines, schiefes Lächeln erschien und erstarb gleich
wieder. „Natürlich nicht sofort – meine Familie lebt eh nicht
hier – aber irgendwann. Und ich möchte deine Freunde kennenlernen,
dir meine vorstellen. Wenn man sich gegenseitig dann nicht mag, ist das eben
so, aber zumindest versuchen will ich es.“
Mir war durchaus aufgefallen,
dass er von ‚seine‘ und ‚ihm‘ zu ‚deine‘ und ‚dir‘ übergegangen war. Mein Bauch
nahm das zum Anlass, sich auf ein Drittel seiner ursprünglichen Größe
zusammenzuziehen, mein Hirn pochte darauf, dass das alles nur hypothetisch war,
da ich die grundlegende Bedingung bereits als unmöglich abgetan hatte.
„Ich will Zeit miteinander
verbringen“, fuhr er fort, „Das kann auch zu Hause auf der Couch sein, aber
eine Beziehung, wo man sich nur zweimal die Woche sieht, reicht mir nicht. Ich
brauche Nähe.“
Er stockte und sah das erste
Mal fast ein wenig verlegen aus. Das auszusprechen war sicher nicht einfach,
aber …
„Ist das nicht normal?“, fragte
ich leise, „Dass man in einer Beziehung das Umfeld des anderen kennenlernt und
dass man Händchen hält und … Zeit miteinander verbringt?“ Was für
Beziehungen hatte er bisher gehabt, dass er glaubte, das fordern zu müssen?
Diese Dinge – mit Ausnahme des Offensichtlichen, der
Monogamie – hatten sogar Michael und ich hingekriegt. Und ich hätte
uns auch ohne seinen Spargeltarzan nicht direkt als Idealpaar bezeichnet.
Mischa antwortete nicht, aber
eigentlich war das auch nicht nötig. Wenn er gelernt hatte, dass diese Dinge
für ihn unverzichtbar waren, waren sie für ihn unverzichtbar.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Solange ‚auf der Couch‘ nicht ‚bei einem Zombiefilm‘
bedeutet …“
Er grinste. „Nur jedes fünfte
Mal – obwohl, wenn es immer so endet wie gestern, dann jedes dritte.“
Ich boxte ihm gegen die
Schulter und sah ihn strafend an. „Ich dachte, das wären die Bedingungen für mehr
als letzte Nacht?“, fragte ich dann ohne nachzudenken und erntete ein sanftes
Lächeln.
„Stimmt.“
Verdammt.
Ich musste dem hier endlich
eine Riegel vorschieben. Es brachte nichts …
Als hätte er meine Gedanken
gelesen und als wüsste er ganz genau, welche Wirkung seine Lippen hatten,
küsste er mich. Und ich verschob das mit dem Riegel um weitere fünf Minuten.
Scheiße, war ich schwach. Daran musste ich arbeiten.
„Milo …“ Mischa sprach
leise, fast tonlos. „Keine anderen Kerle, das meine ich ernst. Es beruht
natürlich auf Gegenseitigkeit, was ich von anderen verlange, halte ich auch
selbst ein …“ Er machte eine Pause, legte seine Stirn an meine.
Ich war nicht blöd, ich
wusste, warum er das sagte. Aber – aber es reichte einfach nicht, es
zu hören, wenn ich mir nicht sicher war, ob ich es glauben
konnte – und das lag nicht an ihm, sondern an mir. Mischa stand uns
nicht im Weg, sondern ich. Aber das war ja schon länger klar.
Wir sollten aufstehen. Mit
ihm hier zu liegen und mich um den Verstand küssen zu lassen, war eine
Sache – Himmel, mit ihm zu schlafen wäre eine Sache, aber eine
Beziehung einzugehen eine ganz andere. Dazu brauchte es mehr als Sex und
Zärtlichkeiten und dafür war ich nicht bereit. Trotz allem.
„Aber ich“, fuhr er fort,
„also … kein Flirten.“
Äh, wie?
„Kein Flirten mit wem?“,
fragte ich verdutzt und er setzt sich wieder auf.
„Kein Flirten mit niemandem“,
erwidert er fest, „Du wolltest meine Bedingungen wissen und das gehört dazu.
Die meisten, die ich kenne, denken sich da nichts bei und haben kein Problem,
wenn ihr Partner mit anderen flirtet, solange es dabei bleibt. Ich schon.“
Kein Flirten. Mischa vertrug
es nicht, wenn sein Freund auch nur mit einem anderen Kerl schäkerte? Auch,
wenn er wusste, dass nichts weiter passieren würde?
Hm.
Mittlerweile würde ich das
zwar auch nicht mehr toll finden, aber vor der Trennung war es mir egal
gewesen, wenn jemand Michael in meiner Gegenwart angeflirtet hatte. Da dachte
ich schließlich noch, dass er nur mich mit nach Hause nahm.
Ich sah Mischa an, aber sein
Gesicht verriet nichts. „Gibt’s dafür einen Grund?“
„Gibt’s den nicht immer?“
Seine Stimme klang weich, so dass ich die ausweichende Gegenfrage nicht als
Zeichen, dass er nicht darüber sprechen wollte, interpretierte. Mehr noch, ich
konnte sehen, dass er wollte, dass ich fragte. In seinen Augen, dem Zug um
seinen Mund. Und dabei war ich eigentlich mies im Lesen von Körpersprache.
Dennoch zögerte ich. Ja, ich
war ein bisschen neugierig, vielleicht sogar zwei bisschen. Aber was würde es
bringen? Und noch viel wichtiger: War es eine gute Idee? Nicht nur hatte ich in
den letzten Stunden mehr Zeit mit Mischa verbracht als je
zuvor – immerhin waren wir seit der Nachhilfe gestern
beieinander! – nicht nur hatte ich den Fehler gemacht, ihn in mein
Bett zu zerren und ihn heute morgen nicht gleich wieder rauszuschmeißen, nein,
ich war mir auch sicher, dass wir noch nie so miteinander geredet hatten.
Wirklich geredet, da zählte weder Nachhilfe noch Streit noch „Hallo, wie
geht’s?“. Das war doch alles zu viel aufs Mal und sowieso völlig ungesund!
„Verrätst du ihn mir?“
Heute Morgen hatte ich definitiv
nicht alle Tassen in der Werkzeugkiste.
„Wenn du es wissen möchtest,
sicher.“ Er lächelte. „Mein Ex, Olli … wir waren drei Jahre zusammen
und er war – ist – ‚nicht schwul‘. Nicht offiziell,
verstehst du?“
Ich nickte. So einer also. Da
machten die Bedingungen gleich mehr Sinn.
„Wenn wir zusammen weg waren,
dann immer ‚als Kumpels‘ – das war nichts Ungewöhnliches, er war ja
auch vor der Beziehung mein bester Freund gewesen – aber es reichte
ihm nicht, es nicht zu zeigen oder sagen; er wollte sicher sein, dass
auch ja niemand Verdacht schöpfte.“ Er zuckte mit den Schultern. „Er hat sich
an die Mädchen rangeschmissen, immer, bei jeder Gelegenheit. Er hat nie mit
ihnen geschlafen, aber …“ Noch ein Schulterzucken.
„Warum bist du so lange bei
ihm geblieben?“
„Ich habe ihn geliebt“, erwiderte
Mischa schlicht. Seine plötzliche Offenheit war fast schon beängstigend. „Er
war gleichzeitig mein bester, ältester und in der Schule einziger Freund
gewesen, und ich dachte, er würde sich irgendwann outen.“ Diesmal war das
Schulterzucken nur angedeutet. „Jetzt hat er eine Freundin. Und ich glaube, er
ist wirklich glücklicher damit, weil er nicht mehr die ganze Zeit Angst haben
muss, entdeckt zu werden.“
Das konnte ich mir nicht
vorstellen. Wenn er wirklich schwul war, egal ob geoutet oder mit einer
Geburtsurkunde aus Narnia, wie sollte er dann mit einem Mädchen glücklich
werden? Das war doch absurd!
Aber auch völlig egal, denn
Mischas Schultern waren plötzlich eingefallen und der Gesichtsausdruck von
gestern war zurück. Nicht wegen mir, aber das machte die Sache nur unwesentlich
besser.
„Der Typ is’n Volldepp.“ Ich
schüttelte den Kopf. „Ich hoffe, seine Tussi ist ’ne richtige
Xanthippe – die’s dreimal täglich besorgt bekommen will.“ Von ihrem
eigentlich schwulen Typen, der dabei dementsprechend viel Spaß hatte. Urgs.
Mischa schnaubte. Seine
Mundwinkel verzogen sich ein My in die richtige Richtung.
„Küss mich.“
Was?
Aber ich kam nicht dazu,
nachzufragen, denn er fügte hinzu: „Tu’s einfach.“
Erst diesen Olli und dann
mich. Mischa hatte auch nicht den besten Männergeschmack. Mindestens einen
letzten Kuss hatte er verdient.
***
„Hast du heute Zeit?“
Wir räumten gerade die
Überreste des Frühstücks weg. Mischa verfrachtete Butter und Co. zurück in den
Kühlschrank, ich spülte das Geschirr vor. Wir hatten es aus dem Bett raus
geschafft und nun, mit anständigem Körperabstand und ohne hirnvernichtende
Küsse, fühlte ich mich wieder mehr wie ich selbst. Mehr Herr der Lage.
„Nein“, erwiderte ich ohne
mich zu ihm umzudrehen, „Ich treffe mich mit Klaus.“
„Oh.“
Ich konnte hören, dass ihm
der Name nichts sagte und dass er gerne nachgefragt hätte, aber er tat es
nicht.
„Er ist mein bester
Freund – und praktischerweise mit Anita zusammen.“ Warum blubberte
denn mein Mund unaufgefordert los? Wenn ich Abstand zu Mischa wollte, war es
besser, wenn ich ihm nicht jedes beschissene Detail aus meinem Leben erzählte.
„Wir müssen dringend zum Friseur.“
Er kam neben mich und öffnete
den Küchenschrank für die Schokopops. Ich konnte seinen fragenden Blick spüren.
Und seine Nähe auch, die akut mein Herr-der-Lage-sein bedrohte. Als ich kurz zu
ihm sah, hob er eine Augenbraue. Und plötzlich konnte ich gar nicht anders, als
mich zu erklären, weil – weil ich selbst wusste, dass ich noch
nicht dringend zum Friseur musste und weil ich nicht wollte, dass Mischa
glaubte, ich hätte geschwindelt.
„Also, vor allem Klaus muss
hin, aber der mag es gar nicht, wenn Fremde ihn anfassen und wenn ich nicht
mitgehe, geht er auch nicht und wenn er nicht geht, dann ist Anita unzufrieden
und wenn Anita unzufrieden ist, dann lässt sie das gerne an mir aus.“ Ich holte
Luft und zuckte mit den Schultern. „Also ist es für mich am besten, wenn wir
zum Friseur gehen.“ Da er vor der Spülmaschine stand und ich mit Vorspülen
fertig war, bedeutet ich ihm, aus dem Weg zu gehen. Der erneute Abstand war
entspannend.
„Verstehe“, erwiderte er,
obwohl ich das bezweifelte. Wer Anita nicht kannte, konnte gar nicht verstehen.
„Und … heute Abend?“
Da … Mist.
Ich hätte mich nicht
rechtfertigen sollen – es gab ja auch keinen Grund dazu! Wenn ich
schon etwas vor hatte, hatte ich eben etwas vor. Hätte ich einfach nur die
Klappe gehalten, hätte er wahrscheinlich angenommen, dass es viel mehr ‚Keine
Zeit für dich‘ als ‚Bin wirklich schon verabredet‘ bedeutete. Aber so hatte es
sich angehört, als würde ich bedauern, keine Zeit für ihn zu haben. Als würde
ich mit ihm … ja, was eigentlich?
Wir hatten den Morgen
danach schon viel zu sehr in die Länge gezogen.
Ich richtete mich auf und sah
ihn direkt an. „Wozu?“
Mischa stockte, setzte ein
Lächeln auf, zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, wir könnten vielleicht
etwas trinken gehen oder – ins Kino vielleicht?“ Das angespannte
Lächeln wurde zu einem echten Grinsen. „Du darfst den Film aussuchen,
versprochen.“
Bat er mich gerade um
eine … Verabredung?
Das war dann wohl mein
Stichwort. Und das, obwohl ich mir die Worte immer noch nicht
zurechtgelegt hatte und ich, wenn ich improvisierte, meist die falschen Worte
in die falsche Reihenfolge setzte und mich entweder wie ein Idiot oder ein
Arschloch verhielt. Oder beides.
„Mischa …“
Er musste das, was folgen
würde an meinem Ton erkannt haben, denn er kam einen halben Schritt auf mich zu
und sagte rasch:
„Ich mach dir hier keinen
Heiratsantrag. Mir ist bewusst, dass …“ Er brach ab, zog die Augenbrauen
zusammen, sah mich wieder an. „… dass deine Einstellung sich so
schnell nicht um hundertachtzig Grad gedreht hat. Ich bin nicht naiv.“ Er
brummte. „Zumindest nicht so sehr. Ich dachte einfach, wir könnten etwas mehr
Zeit miteinander verbringen. Uns besser kennenlernen.“
Und dazu mussten wir ins
Kino? Filme und einen Fernseher hatten wir hier zu Hause auch; plus, hier hatte
ich die Möglichkeit, in mein Zimmer zu verschwinden, wenn es mir zuviel wurde.
Aber als ich genau das sagte – sans das mit dem Verschwinden,
natürlich – schüttelte er den Kopf.
„Wir wohnen seit eineinhalb
Monaten zusammen und ich weiß eigentlich immer noch nichts über
dich – was die Erwähnung von Klaus gerade wieder bestätigt hat.
Außerdem denke ich, dass uns etwas Abwechslung gut tun würde.“
Das hörte sich nicht gerade
nach einer unterstützungswerten Idee an. Bis jetzt hatte Mischa besser
kennenzulernen nämlich das Gegenteil von dem gebracht, was ich erhofft hatte,
und ‚miteinander verbrachte Zeit‘ sowieso. Und die Hoffnung, dass mein dummes
Herz jetzt plötzlich aufhörte, für ihn Überstunden zu schieben, stufte ich als
verschwindend gering ein. Vor allem nach letzter Nacht.
Aber vielleicht … vielleicht
setzte der Abhärtungseffekt endlich ein, wenn ich genug kleine Dinge fand, die
mich an ihm störten. Und das würde ich, denn jeder hatte Macken, die andere nur
den Kopf schütteln ließen. Zwei Menschen konnten nicht zu einhundert Prozent zueinander
passen, ohne dass es auch nur etwas gab, dass sie an einander störte oder
nervte.
Natürlich war mir klar, dass
die Chance, dass der Abhärtungseffekt einsetzte, noch geringer war als die
Hoffnung, dass sich mein Herz einfach mal eben umentschied. Und beides erschien
mir umgekehrt proportional zur Wahrscheinlichkeit, dass ich irgendein
riesengroßes blinkendes Warnschild übersah und dann am Ende wie nach Michael
dastehen würde.
Aber er hat gesagt,
Treue sei ihm wichtig. Er hat gesagt, nur monogam und das gelte auch für ihn!, begehrte mein Herz
auf.
Das hätte Michael vielleicht
auch, wenn ich ihn danach gefragt hätte.
Aber er ist nicht
Michael! Michael hätte sich nicht mit Handarbeit zufrieden gegeben gestern,
Michael hätte es auch nicht lassen können, wegen der Zombie-Angst zu sticheln,
und –
Ich schaltete mein Herz auf
stumm. Das Gezeter brachte mich gerade nicht weiter, immerhin sah Mischa mich
immer noch abwartend an und so langsam wäre eine Antwort angebracht.
Und irgendwie … zum
Teil war es sicher auf letzte Nacht zu schieben, zum Teil auf das Frühstück und
zum Teil auf seine momentane Nähe und Anwesenheit in meinem Bett, aber
irgendwie wollte ich Ja sagen. Wollte Zeit mit ihm verbringen, sehen, ob er
sich in der Öffentlichkeit anders verhielt als zu Hause, herausfinden, ob er
eine Person war, die im Kino laute Kommentare gab, ihrem Begleiter leise etwas
ins Ohr flüsterte oder die ganze Vorstellung hindurch still blieb. Ob er lieber
süßes oder salziges Popkorn aß.
Aber das ging doch nicht.
Keine Hoffnungen machen, das hatte ich mir doch vorgenommen.
„Mal ganz abgesehen davon,
dass du mir das schuldig bist.“
Ich riss den Kopf hoch und
sah direkt in sein frech grinsendes Gesicht. „Ich bin was?“
„Es mir schuldig.“ Das
Grinsen wurde breiter. „Immerhin habe ich nicht nur Frühstück gemacht, obwohl
ich immer noch auf das Drei-Gänge-Menü warte, sondern vorhin auch ohne
Widerworte deine – sehr persönlichen – Fragen beantwortet
und einen kleinen Seelenstriptease hingelegt. Da wäre es doch nur gut und
recht, wenn du das erwiderst.“
Ein Seelenstriptease? Ich?!
Mischa lachte und kam noch
einen Schritt näher. Und war damit eindeutig wieder zu nah.
„Aber das verlange ich ja gar
nicht – sondern nur ein bisschen deiner Zeit. Ob du dann am Ende
strippst oder nicht, bleibt dir überlassen.“
Oi, Kopfkino! Aber leider
kein gutes, denn bei meinem Rhythmusgefühl und meinen Tanzfähigkeiten wäre
strippen keine besonders erotische Angelegenheit. Aber wenigstens würde er was
zu lachen haben.
„Du hast es freiwillig
erzählt“, erwiderte ich fast schon trotzig und hätte mir dafür am liebsten
selbst eine geschlagen. Darum ging es nicht, das war mir schon klar.
„Ja, und du kannst
selbstverständlich Nein sagen, wenn du wirklich nicht willst. Aber ich würde
mich freuen, wenn du, ebenfalls freiwillig, etwas zurückgeben würdest.“
Ein Geben und Nehmen, ja?
Offenheit gegen Kino, für ihn. Und für mich?
…
Für mich bedeutete beides
letzten Endes mehr Zeit mit Mischa und mehr Gelegenheiten, Dinge zu tun, die
ich bei klarem Kopf nicht tun würde.
Aber ich hatte wissen
wollen, was seine Bedingungen waren. Und das mit seinem Ex
auch – obwohl ich wirklich nicht verstehen konnte, warum jemand wie
Mischa drei Jahre seines Lebens an so einen Feigling verschwenden konnte.
Und nein, da war kein Muster
erkennbar. An mich würde er gar nichts verschwenden – er hatte ja
gesagt, nur ein bisschen gemeinsame Zeit.
„Ich verspreche auch, nicht
über dich herzufallen.“
Was?
Als ich meinen Blick wieder
auf ihn fokussierte, sah er mich ernst an. „Milo … ich bereue gestern
Nacht nicht, aber eigentlich war es für mich schon zu viel. Zu nah. Solange du
also mit meinen Bedingungen ein Problem hast, werde ich mich in der Hinsicht
fernhalten.“
Das … hörte sich
nicht wie ein Versprechen, sondern wie eine unheilvolle Ankündigung an. Und
das, obwohl ich sowieso nicht vorgehabt hatte, es zu wiederholen.
Mischa legte die Hände an
meine Hüften und zog mich an sich. „Komm schon. Ist doch nur Kino.“
Die grünen Sprenkel in seinen
Augen und der Leberfleck auf seinem Hals schienen mich anzuflehen, jetzt nichts
Dummes zu tun. Kino, das war doch wirklich nicht zu viel verlangt. Das taten
Kumpels auch. Oder?
Ich war mir sicher, dass der
Zwillingsleberfleck unterhalb seines Brustmuskels zustimmte, aber dahin konnte
ich jetzt nicht schauen, wenn ich noch ein paar funktionierende graue Zellen
behalten wollte.
„Nur ein bisschen gemeinsame
Zeit.“ Ich sah ihn fragend an und er nickte.
„Genau.“
Kein Date, keine Verabredung,
kein Versprechen, keine Bedingungen. Einfach nur ein bisschen gemeinsame Zeit.
Und wenn wir uns das oft
genug sagten, wurde es vielleicht wahr.
Ha. Ha.
Trotzdem nickte ich. „Okay.“
Ich schob es auf den
Leberfleck. Und die Sprenkel. Und den Zwillingsfleck, auch wenn ich es
geschafft hatte, den nicht anzuschauen. Die Erinnerung an ihn reichte aber
vollkommen, um mich außer Gefecht zu setzen.
Mischa drückte mir einen
kurzen aber heftigen Kuss auf. Dann ließ er mich los und schnappte sich einen
Lappen, um die beiden Betttischchen abzuwischen.
Was zum Henker …?!
„Hast du nicht eben gesagt,
dass du das lassen wirst?“, fragte ich mehr überrascht als
verärgert – okay, gar nicht verärgert, dafür kribbelten meine Lippen
noch zu sehr.
Er sah kurz hoch, wischte
dann aber betont erst zu Ende, bevor er wieder zu mir kam. Und obwohl ich es
dieses Mal hatte kommen sehen, blieb ich stehen, als er die Arme um mich legte
und sich zu mir beugte.
„Ich habe von gestern Nacht
gesprochen. Von Sex. Hiermit …“ Noch ein Kuss, ebenfalls kurz, aber
sanfter. „… kann ich gar nicht von selbst aufhören. Dazu müsstest du mir
schon sagen, dass du es nicht willst.“
Er ließ mir genug Zeit, genau
das zu tun, bevor er seine Lippen wieder auf meine legte, aber natürlich tat
ich es nicht. Nicht wollen war anders. Ich wünschte mir bloß, es nicht zu
wollen.
Spätestens jetzt war ich mir
sicher, dass er ganz genau wusste, welche Wirkung seine Küsse auf mich
hatten.
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