Update-Info

07.01.2015: Ich wünsche allen ein (verspätetes) frohes neues Jahr! :)

Bei uns hat das Jahr leider mit einer Krebsdiagnose begonnen. Nicht meine, aber dennoch werden die Kapitel in absehbarer Zeit nur sehr unregelmäßig erscheinen.

Mittwoch, 9. Januar 2013

Wieder und wieder 10:

[Schon wieder verspätet – langsam sollte ich mich schämen. Ich war die letzten Tage über krank und konnte gerade noch so die Hauskatze streicheln (soll heißen: die Hand auf ihren Bauch legen, während sie sich hin- und herrollt); an Lesen oder gar Kapitelüberarbeiten konnte ich nicht mal denken. Bin auch noch nicht wieder ganz da und hab’s deshalb sein lassen, das Kapitel zu kürzen, obwohl ich genau das um 700-1000 Wörter vorhatte. Aber noch mehr verspäten will ich mich nicht, ich hab mir schließlich vorgenommen, die Geschichte regelmäßig hochzuladen.]



Fantasiefrühstück, Volldeppen, Ankündigungen und etwas Zeit.

 


Unter meiner Bettdecke war es warm, in der Wohnung herrschte Stille und ich war seltsam zufrieden. Ich ließ die Augen noch einen Moment geschlossen und drehte mich auf die Seite. Die Matratze neben mir war auch warm.
Irgendwo in meinem Kopf murmelte eine leise Stimme, dass ich die Augen öffnen und dem Tag entgegentreten musste, aber an der Art, wie sie es murmelte, merkte ich, dass etwas Unangenehmes auf mich wartete. Nein, das wollte ich nicht. Mir war doch gerade so wohl und ich war entspannt und alles war gut. Und wie sollte ich auch nicht entspannt sein? Nachdem ich gestern endlich –
Ach.
Du.
Verdammte.
Scheiße!
Mischa. Und ich. Zusammen, in meinem Bett, ineinander verschlungen –
Scheiße.
Ich lauschte, aber es herrschte immer noch absolute Stille in meinem Zimmer. Als ich meine Lider hoch zwang, bestätigte sich mir mein Verdacht: Mischa war nicht hier, nicht in meinem Bett, nicht in meinem Zimmer.

Eigentlich sollte ich froh darüber sein. Hatte ich nicht eben, als ich mich an die letzte Nacht erinnert hatte, eine Millisekunde lang Panik gehabt, er könne zu viel hineininterpretiert haben? Ich sollte froh darüber sein, dass er offenbar gar nichts hineininterpretiert hatte. Dass ihm klar war, dass es nur ein zombieinduzierter Ausrutscher gewesen war, nichts weiter.
Ohne Bedeutung.
Das sollte echt nicht wehtun, denn das war es doch, was ich gewollt hatte.
… Wie sagte man noch? ‚Sei vorsichtig, was du dir wünscht.‘ Tja, die Omis dieser Welt hatten wohl doch nicht ganz Unrecht.
Obwohl mir das Gegenteil ja auch nicht Recht gewesen wäre, seien wir doch mal ehrlich. Wenn Mischa wirklich gedacht hätte, dass das jetzt bedeutete, dass wir – keine Ahnung – zusammen? – kommen würden, dann hätte ich ihn enttäuschen müssen. Ich konnte schließlich nicht mit Mischa zusammen sein, denn ich vertraute Mischa nicht. Oder Männern wie Mischa. Oder beidem.
Auch wenn ich mich gestern bei ihm sicher gefühlt hatte … aber auch nur vor Zombies, und vor denen hätte ich mich bei jedem Kerl, der dreimal so stark war wie ich, sicher gefühlt. Genau.
Anita hatte Recht, ich sollte wirklich anfangen, selbst zu trainieren, damit ich so was nicht mehr nötig hatte. Ich würde mich gleich Montag beim Unisport anmelden. Und dann konnte es sich nur noch um ein, zwei, dreißig Jahre dauern, bis ich ein anständiges Maß an Muskelmasse aufgebaut hatte.
Klo.
Ich seufzte, schlug die Decke zurück und stand auf. Offenbar hatte ich es gestern nicht mehr für nötig empfunden, mir wieder etwas anzuziehen, obwohl ich eigentlich nicht nackt schlief. Ich holte mir frische Unterwäsche und ein Shirt hervor, zog beides an und ging ins Wohnzimmer.
Aus der Küche kamen Geräusche. Wunderbar. Ich nahm nicht an, dass Thomas schon zurück war, also konnte das nur Mischa sein. Eigentlich hätte ich gern eine kleine Schonfrist gehabt, bevor ich ihm gegenübertreten musste, aber da wir zusammen wohnten, war mir das nicht vergönnt. Dennoch, aufs Klo durfte man ja vorher noch.
Klo, Händewaschen, Katzenwäsche, Zähneputzen. Am liebsten wäre ich gleich noch unter die Dusche, weil es das Unausweichliche noch etwas hinausschieben würde und weil ich dann nicht mehr das Gefühl hatte, nach ihm, nach uns zu riechen, aber ich verbot es mir. Je schneller ich es hinter mir hatte …
Als ich in die Küche kam, goss Mischa gerade Orangensaft in eines von zwei Gläsern. In nichts als einem Paar schwarzer, enger Pants. Hatte er denn kein Erbarmen?
Er sah auf und lächelte mich offen an. „Hey.“
Dann stellte er den O-Saft hin, kam auf mich zu und legte seine Hände auf meine Hüften, direkt unters T-Shirt. Die Fingerspitzen der rechten Hand waren von Tetrapack ganz kühl.
„Guten Morgen“, sagte er mit rauer Stimme und zog mich für einen langen Kuss an sich. Ich schmolz. Mir war entfernt bewusst, dass ich das nicht vorgehabt hatte, aber sobald Mischas Lippen meine – ach was, sobald seine Hände meine Haut berührt – oder vielleicht sogar: Sobald sein Blick auf meinen getroffen war, hatte sich mein Hirn in Gemüsebrei verwandelt. Und er küsste auch immer noch so verdammt gut, dass ich den Kuss nicht von selbst beenden konnte.
„Hättest du zehn Minuten länger geschlafen, hätte ich dir das Frühstück ans Bett gebracht“, raunte er gegen meine Lippen, „Selbst schuld.“
Ähm …
„Tut mir leid?“
„Das sollte es auch“, sagte er, lächelte aber dabei, „aber weil ich heute gute Laune habe, gebe ich dir ausnahmsweise die Chance, es wieder gutzumachen.“ Eine seiner Hände wanderte wie nebenbei in mein Kreuz und er fing an, dort mit dem Zeigefinger kleine Kreise zu ziehen. „Und alles, was du dafür tun musst, ist, zurück ins Bett zu gehen und da auf mich zu warten. Was sagst du?“
Ich sollte das nicht tun. Ich sollte mich nicht noch länger der Fantasie hinge–
„Ich glaube, das kriege ich gerade so hin.“
Das Lächeln wurde breiter und … entspannter? War es denn vorher angespannt gewesen?
„Gut.“ Noch ein hirnzellenvernichtender Kuss, dann ließ er von mir ab und wandte sich wieder dem Orangensaft zu.
Ein paar Sekunden lang stand ich unschlüssig da, aber als er mir keine weitere Beachtung schenkte, drehte ich mich schließlich um und ging zurück in mein Zimmer. Auf halbem Weg blieb ich kurz stehen und wäre fast zurückgegangen um ihm zu sagen, dass ich das nicht konnte, aber dann entschied ich mich doch dagegen. Ein Fantasiefrühstück sollte ja wohl drin liegen.

Es dauerte nicht lange, bis Mischa die Tür mit der Schulter aufstieß und in seiner ganzen halb nackten Pracht hineinkam – nur noch besser, weil er Toast, Butter, Käse, Aufschnitt, Marmelade, O-Saft, Kaffee, Milch und ein Schüsselchen Schokopops dabei hatte, auf zwei Betttischchen verteilt.
„Wusste gar nicht, dass wir so was haben“, rutschte es mir raus. Toll, ich glänzte einmal mehr mit intelligenten und passenden Kommentaren.
„Hab ich von Thomas geklaut“, erwiderte er grinsend, bevor er innehielt und mich kritisch musterte. „Aber Milo“, säuselte er dann, „für mich hättest du dir doch nichts anziehen müssen.“
„Das T-Shirt hatte ich eben auch schon an.“
„Da hab ich es großzügig ignoriert.“ Er stellte die beiden Tischchen sorgfältig auf meinen Schreibtisch ab und kam dann auf mich zu wie der Panther auf die sichere Beute. „Du hast so eine schöne warme Decke“, sagte er, als er ein Knie auf die Matratze stützte und sich über meine Beine schwang, „da brauchst du das doch gar nicht.“
Ich hätte etwas sagen sollen, ganz sicher, aber Mischas Oberkörper in Griffweite am frühen Morgen war zu viel für mich – und das, obwohl ich den Oberkörper fast nicht mitbekam, weil seine Augen schon wieder dieses Funkeln hatten, bei dem mir ganz anders wurde.
Er nahm den Saum und schob ihn etwas nach oben. „… Oder?“
Wann hatte er sich denn schon wieder so nah zu mir gebeugt, dass ich seinen Atem auf meinen Lippen spüren konnte? So nah, dass meine Nase gegen seine stieß, als ich den Kopf schüttelte. So nah, dass ich sicher war, dass er hören konnte, wie sich mein Herz beschleunigte, als er wieder dieses zufriedene Lächeln lächelte.
„Hab ich mir doch gedacht“, murmelte er und zog mir das Shirt ruck, zuck aus. Gestern Nacht hatte er –
Lippen, Zunge, Zähne, Hirnausfall. Hände auch, auf mir, an mir, um mich, in meinen Haaren. Meine eigenen Lippen, Zunge und Zähne taten auch längst nicht mehr das, von dem ich dachte, dass das Beste für alle Beteiligten war, sondern erwiderten die Gesten. Und meine Hände fanden seinen Knackarsch und weigerten sich, da wieder weg zu gehen.
„Vielleicht sollten wir erst was essen?“ Er löste sich von mir und grinste schief. „Bevor Kaffee und Toast kalt werden?“
Ich nickte leicht benommen. Wenn er aufhören konnte, konnte ich das auch. Bestimmt.
Mischa stand auf und holte eines der Tischchen, um es über meinem Schoss zu platzieren.
„Willst du dich nicht richtig aufsetzen?“
Ich stutzte, verstand einen Moment lang nicht, nickte dann wieder und schob mich zurück, bis ich mit dem Rücken an das Kopfende des Bettes lehnen konnte. Er stellte das Tischchen hin.
Er hatte alles, was ich gern zum Frühstück aß, schön angerichtet, sogar inklusive einer gefalteten Papierserviette. Das war … nett. Süß. Romantisch, fast. Ich hatte nicht viel mit Romantik am Hut, aber ich war mir ziemlich sicher, dass Frühstück am Bett als romantisch galt. Ich sah zu Mischa auf, der sich eben – immer noch lächelnd – mit dem zweiten Tischchen in den Händen umdrehte, und – und wünschte mir von einer Sekunde auf die andere, dass er doch mitten in der Nacht in sein eigenes Zimmer zurückgegangen wäre.
Das ging mir alles zu schnell, auch wenn es für andere vielleicht ein Schneckentempo war. Das gestern war nicht geplant gewesen – es war vielmehr das Gegenteil von dem, was geplant gewesen war – und jetzt das hier, und die Küsse und –
„Milo.“ Mischas Stimme war ruhig und sanft, aber das Lächeln war verschwunden. „Es ist nur ein Frühstück.“
War es das? Er konnte mir doch nicht ernsthaft einreden wollen, dass das eine normale Geste war. Wenn, dann hätte er mir schon früher mal Essen ans Bett gebracht – oder auch Thomas.
„Okay?“
Ich glaubte ihm nicht. Ich glaubte ihm nicht und wollte ihm sagen, dass das nichts brachte, dass es nichts ändern würde, aber die Bitte in seiner Stimme war so deutlich, der Ton so dringlich … Plötzlich war ich mir sicher, dass er wieder diesen enttäuschten, traurigen Ausdruck von gestern bekommen würde, wenn ich das täte – und was da am Ende bei herauskam, hatte ich ja am eigenen Leib erfahren: Zombiehölle und Mischaerlösung, die alles nur noch komplizierter machte. Und auch wenn ich diesmal wohl – hoffentlich – schlau genug wäre, nicht noch einmal einen Film seiner Wahl als Wiedergutmachung vorzuschlagen, wollte ich den Gesichtsausdruck nicht wieder sehen müssen. Nein, den galt es zu verhindern, zu unser beider Bestem.
Also nickte ich. Ich würde mir während des Frühstücks überlegen, wie ich meinen unveränderten Standpunkt klarmachen konnte, ohne den Blick von gestern heraufzubeschwören. 
Mischa kam zu mir, gab mir sein Tischchen kurz zum Halten und nahm es mir wieder ab, als er sich neben mich gesetzt hatte. Ganz nah neben mich, gezwungenermaßen, so breit war mein Bett nämlich nicht. Oh Mann.
„Guten Appetit.“ Sein Lächeln war um einiges schiefer als zuvor, aber noch im grünen Bereich. Und wenigstens war es so nicht allzu anders als mein eigenes, das momentan auch keine Preise gewinnen würde. 
Ich wollte mich gerade dem Essen zuwenden, da legte er eine Hand an mein Gesicht, drehte es wieder zu ihm und küsste mich. Ohne Zunge und Trara, aber dennoch hätte ich schwören können, dass der Kuss Tote zum Leben erwecken konnte. Niemand hätte sich davon abhalten können, ihn zu erwidern. Niemand.
Mischa sagte nichts, als er sich wieder aufsetzte und zu essen begann, aber das Lächeln strahlte wieder symmetrisch.

***

Die Schokopops knusperten in meinem Mund und Mischa neben mir biss gerade herzhaft in sein zweites Stück Toast.
Hm.
Die Stimmung war nicht direkt unangenehm, Mischa zumindest schien entspannt, aber mir behagte die Stille nicht. Vor allem, da ich gedanklich keinen Schritt weiter war. Jedes Mal, wenn ich mich daran machte, nach einer möglichst klaren, aber behutsamen Formulierung für „Mit dir rumzumachen war ein Fehler und ist nur auf die blutverschmierten Untoten zu schieben“, zu suchen, kamen die Bilder von gestern auf und das Gefühl von Mischas Küssen und – Scheiße, er küsste wirklich verflucht gut! Und es fühlte sich so … natürlich an.
Und mehr als einmal hörte ich ihn sagen, dass er Bedingungen stellen würde, wenn ich noch mal wollte. Oder noch mehr wollte. Bedingungen. Mehrzahl. Was denn noch, außer der ersten, die ich sowieso schon mal nicht erfüllen konnte – wenn ich sie denn richtig interpretiert hatte?
Ich schielte zu ihm herüber, betrachtete sein Gesicht im Profil, von den auf den Teller gerichteten Augen über die Nase bis zu den Lippen, an deren oberen Rand ein bisschen Marmelade klebte.
Hm.
Ich müsste mich nur ein wenig aufsetzen, mich recken und könnte – 
„Was ist?“
Natürlich musste er meinen Blick bemerken und sich zu mir drehen. Natürlich musste er auch mindestens die Hälfte meiner Gedanken in besagtem Blick lesen und so frech schmunzeln. Natürlich musste er auch morgens so verdammt gut riechen.
„Nichts. Du hast da Marmelade.“
Er hob die Augenbrauen und wischte sich mit dem Daumen über den Mundwinkel – und zwar den auf der Seite, die ich eben gar nicht sehen konnte.
„Weg?“
Ich knurrte bei seinem gespielt unschuldigen Tonfall auf, unterbrach den Blickkontakt aber nicht, als ich den Kopf schüttelte. Die Aufforderung in seinen Augen war nur allzu deutlich und er war mittlerweile auch so nah, dass ich wirklich problemlos hinkäme. Und Mischa dachte wohl auch gar nicht erst daran, sich wieder zu entfernen oder das dumme Blaubeerstückchen selbst wegzumachen – nein, es machte ja auch mehr Spaß, wenn man damit arme, leicht zu überfordernde Mitbewohner aus dem Konzept bringen konnte.
Es war ja ein Fantasiefrühstück. Nur eines, danach war Schluss. Und wenn ich schon nur ein einziges Fantasiefrühstück bekommen würde, konnte ich mich dabei auch um verirrten Brotaufstrich kümmern. Außerdem hatte ich eh vor ein paar Minuten noch seine Zunge in meinem Mund gehabt. Theoretisch würde das den Braten nun auch nicht mehr –
Ah! So ’ne gequirlte Scheiße!
Ich streckte mich das kleine verbleibende bisschen und leckte seine Lippen sauber. Ich spürte, wie sie sich zufrieden verzogen und biss ihm strafend in die Unterlippe. An Mischas Zusammenzucken merkte ich, dass es fester als geplant gewesen war, aber er beschwerte sich nicht, sondern öffnete den Mund und kam mir entgegen.
Darauf kam es nun auch nicht mehr drauf an, sagte ich mir und legte eine Hand in seinen Nacken.

Der nächste Löffel Schokopops war bereits eklig matschig und ich ließ ihn grummelnd sinken. Dann doch lieber Toast.
„Gib her, ich stell’s weg.“
Ich brummte, gab ihm das Schüsselchen und nahm das Messer, um den Toast zu bestreichen. Meine Lippen pochten immer noch leicht – der Kuss eben war etwas ausgeartet, bis ich gegen mein Tischchen gestoßen war und fast den O-Saft verschüttet hätte. Es war schön zu wissen, dass ich zumindest auf die Weise in der Lage war, einen Kuss mit Mischa zu unterbrechen.
Bedingungen, hatte er gesagt.
Was für Bedingungen stellten die Leute normalerweise an andere in solch einer Situation, abgesehen von der, die er schon angesprochen hatte? Stellten die Leute normalerweise überhaupt klare Bedingungen? Ich hatte Michael keine solche Ansage gemacht, er mir auch nicht. Aber vielleicht hätte ich es tun sollen und dabei die Klausel „Der einzige, der mit erhobenem Arsch vor dir in unserem Bett liegen darf, bin ich“ einfügen sollen.
… Wobei, dann hätte er den Spargeltarzan wahrscheinlich auf dem Fußboden genommen.
Ich schnaubte und zog meinem Kopfkino den Stecker. Hier ging es nicht um Michael. Ich biss in den Toast und kaute darauf herum, als ob ich ihn zu meinem persönlichen Feind erkoren hätte.
Mischa und seine verdammten Bedingungen!
Ich wollte, konnte ja nicht mit ihm zusammen sein, also konnten sie mir auch am Arsch vorbeigehen. Genau.

***


Das Frühstück war verputzt, die Tischchen hatte Mischa eben auf den Boden gestellt. Nun saßen wir steif auf dem Bett, wartend. Ich darauf, dass Mischa aufstand und das Frühstück offiziell beendet war; dass ich ihm sagen musste, dass … dass wir von nun an wieder so miteinander umgehen sollten, wie vor gestern Nacht. Ja, das würde sicher verdammt gut ankommen, ‚Nur ein Frühstück‘ hin oder her.
Warum hatte ich auch nicht langsamer gegessen? Hätten wir uns dabei unterhalten, wären wir jetzt noch nicht fertig. Aber ich hatte einfach nicht gewusst, worüber ich mit ihm reden sollte. Meine Gedanken waren nicht über den Bedingungen-Mist hinausgekommen, egal, wie sehr ich sie gepeitscht hatte. Sie steckten fest.
Und was meine Wortwahl, sobald das Frühstück beendet war, anging, war ich natürlich auch noch nicht weiter. Ich schwenkte die letzte Pfütze Orangensaft in meinem Glas. Es würde eine Katastrophe werden. Und jede Minute, die wir so einträchtig verbrachten, machte es nur noch schlimmer. Hätte ich ihm nach dem Aufstehen gleich gesagt, dass sich nichts geändert hatte, dann wäre das scheiße gewesen, aber wahrscheinlich hatte er da damit gerechnet – er hatte angespannt ausgesehen. Es wäre fair gewesen. Man sollte anderen Menschen keine Hoffnungen machen, wenn man wusste, dass man sie nicht erfüllen konnte. Und je schneller man die Hoffnungen zerschlug, desto besser. Es hatte beim ersten Mal wohl nicht richtig funktioniert, aber … aber …
„Was für Bedingungen?“
Ich erstarrte. Das hatte ich nicht –
Mischa sah mich an und grinste zufrieden.
Scheiße. Ich wollte doch nicht fragen! Immerhin war schon die erste ein No-Go und Mischa eben Mischa und –
Er legte seine Hand an mein Glas, führte es an meine Lippen und kippte es, so dass ich den letzten Schluck austrank. Dann stellte er es weg.
„Warum fragst du?“, fragte er süffisant und war schneller über mir, als ich die Frage verstehen konnte. „Hast du etwa Lust, etwas nachzuholen?“
Die Bilder, die mir beim rauen Klang der Worte durch den Kopf schossen, waren eine Mischung aus gestern Nacht und … mehr. Ich erschauderte und schüttelte den Kopf, einerseits, um den Kopf frei zu kriegen, andererseits, weil ich ihm endlich sagen musste, dass –
Mischa küsste mich hart und bestimmend und legte damit effektiv alle Gegenwehr lahm. Es war unfair, dass ich mich nicht wehren konnte, unfair, dass mein Körper von alleine reagierte. Unfair, dass sich mein Bauch so wunderbar schmerzhaft zusammenzog. Und zu allem Übel hatte ich auch noch das Gefühl, dass besagte Reaktionen jedes Mal heftiger wurden.
Als er sich von mir löste, wiederholte er: „Warum fragst du?“
Sein Atem streifte über meine Lippen und sein Blick nagelte mich fest. Ich sollte ihn von mir schieben, das wusste ich, aber ich konnte mich nicht dazu überwinden. Außerdem hätte ich in dem Moment nichts gegen eine Wiederholung von letzter Nacht gehabt – allerdings nur eine Wiederholung, keine Weiterführung mit Bedingungen.
„Nur so.“
Mischa schwieg. Sah mich einfach nur an und schwieg. Seine Brust hob und senkte sich regelmäßig am Rande meines Sichtfelds, seine Haut war nah genug an meiner, dass ich die Wärme spüren konnte, die von ihr ausging.
Er schwieg immer noch.
Ich hielt dem Blick noch ein paar Sekunden stand, dann schnaubte ich unwillig. „Es interessiert mich eben.“
Da, ein kleines Lächeln.
„Was genau interessiert dich?“
„Na, die anderen Bedingungen.“
„Welche anderen Bedingungen?“
Wollte er mich verarschen?! Er wusste verdammt noch einmal genau, welche scheiß Bedingungen ich meinte!
„Das weißt du“, knurrte ich deshalb.
Seine Augen funkelten amüsiert. „Woher sollte ich, wenn du es mir nicht sagst?“
„Mischa!“
Seine Lippen streiften meine beschwichtigend und er murmelte: „Tu mir doch den Gefallen.“
Na toll, wie sollte ich dagegen denn eine Chance haben?
„Die Bedingungen, die du an Leute stellst, die …“ Ich brach ab. ‚… die mit dir schlafen wollen‘ hörte sich viel, viel zu willig an. Aber genau darum ging’s schließlich. Und eigentlich hatte ich kein Recht zu fragen, wenn ich sie sowieso nicht erfüllen –
„… mit denen du schlafen willst“, beendete ich den Satz. Ob ich sie nun erfüllen konnte oder nicht änderte nichts daran, dass ich schon den ganzen Morgen an sie dachte und nun, da ich es angesprochen hatte, würde ich es auch durchziehen. Peinlicher konnte es eh nicht mehr werden.
Mischa lächelte an meinen Lippen, dann entfernte er sich, bis wir uns wieder bequem ins Gesicht sehen konnten.
„Die erste und wichtigste kennst du.“
Ich nickte. „Keinen One-Night-Stand oder eine Affäre, du bist altmodisch“, wiederholte ich seine Worte und seufzte. „Aber … kannst du bitte die Umschreibungen lassen?“
Er musterte mich einige Momente, bevor er sich aufsetzte, bis er auf meinen Beinen saß. Er zögerte kurz, dann fragte er: „Du willst Klartext?“
Ich nickte. Ja, bitte. Ich wollte nichts interpretieren müssen, wollte keine Chance, falsche Schlüsse zu ziehen. Ich wollte klipp und klar hören, warum ich nicht mit ihm zusammen sein konnte. Nach diesem Morgen würde meinem Bauch die Erinnerung gut tun.
„Vielleicht besser so“, murmelte er mehr zu sich selbst und legte die Hände auf meine Brust. Dennoch war die folgende Pause lang genug, um mich meinen schnellen Herzschlag bemerken zu lassen.
„Ich will eine Beziehung“, fing er schließlich an, „eine monogame; mit offenen kann ich nicht umgehen. Und ich will mich nicht verstecken müssen. Wenn ich jemanden mag, dann zeige ich das gern und häufig, auch in der Öffentlichkeit – kein dauerndes Rumknutschen oder Turteln, aber wenn ich in der U-Bahn Lust bekomme, meinen Freund zu küssen, oder seine Hand halten will, dann will ich das tun können. Keine Heimlichtuerei.“
Na ja, das an sich wäre kein Problem, immerhin war ich schon seit Jahren geoutet. Und ich war auch niemand, dem Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit unangenehm waren. Die Öffentlichkeit konnte mich kreuzweise, vor allem der homophobe Teil davon.
„Und ich will ein integrierter Teil seines Lebens werden. Die Eltern kennenlernen, ihn mit zu meinen nehmen.“ Ein kleines, schiefes Lächeln erschien und erstarb gleich wieder. „Natürlich nicht sofort – meine Familie lebt eh nicht hier – aber irgendwann. Und ich möchte deine Freunde kennenlernen, dir meine vorstellen. Wenn man sich gegenseitig dann nicht mag, ist das eben so, aber zumindest versuchen will ich es.“
Mir war durchaus aufgefallen, dass er von ‚seine‘ und ‚ihm‘ zu ‚deine‘ und ‚dir‘ übergegangen war. Mein Bauch nahm das zum Anlass, sich auf ein Drittel seiner ursprünglichen Größe zusammenzuziehen, mein Hirn pochte darauf, dass das alles nur hypothetisch war, da ich die grundlegende Bedingung bereits als unmöglich abgetan hatte. 
„Ich will Zeit miteinander verbringen“, fuhr er fort, „Das kann auch zu Hause auf der Couch sein, aber eine Beziehung, wo man sich nur zweimal die Woche sieht, reicht mir nicht. Ich brauche Nähe.“
Er stockte und sah das erste Mal fast ein wenig verlegen aus. Das auszusprechen war sicher nicht einfach, aber …
„Ist das nicht normal?“, fragte ich leise, „Dass man in einer Beziehung das Umfeld des anderen kennenlernt und dass man Händchen hält und … Zeit miteinander verbringt?“ Was für Beziehungen hatte er bisher gehabt, dass er glaubte, das fordern zu müssen? Diese Dinge – mit Ausnahme des Offensichtlichen, der Monogamie – hatten sogar Michael und ich hingekriegt. Und ich hätte uns auch ohne seinen Spargeltarzan nicht direkt als Idealpaar bezeichnet.
Mischa antwortete nicht, aber eigentlich war das auch nicht nötig. Wenn er gelernt hatte, dass diese Dinge für ihn unverzichtbar waren, waren sie für ihn unverzichtbar.
Ich zuckte mit den Schultern. „Solange ‚auf der Couch‘ nicht ‚bei einem Zombiefilm‘ bedeutet …“
Er grinste. „Nur jedes fünfte Mal – obwohl, wenn es immer so endet wie gestern, dann jedes dritte.“
Ich boxte ihm gegen die Schulter und sah ihn strafend an. „Ich dachte, das wären die Bedingungen für mehr als letzte Nacht?“, fragte ich dann ohne nachzudenken und erntete ein sanftes Lächeln.
„Stimmt.“
Verdammt.
Ich musste dem hier endlich eine Riegel vorschieben. Es brachte nichts …
Als hätte er meine Gedanken gelesen und als wüsste er ganz genau, welche Wirkung seine Lippen hatten, küsste er mich. Und ich verschob das mit dem Riegel um weitere fünf Minuten. Scheiße, war ich schwach. Daran musste ich arbeiten.

„Milo …“ Mischa sprach leise, fast tonlos. „Keine anderen Kerle, das meine ich ernst. Es beruht natürlich auf Gegenseitigkeit, was ich von anderen verlange, halte ich auch selbst ein …“ Er machte eine Pause, legte seine Stirn an meine.
Ich war nicht blöd, ich wusste, warum er das sagte. Aber – aber es reichte einfach nicht, es zu hören, wenn ich mir nicht sicher war, ob ich es glauben konnte – und das lag nicht an ihm, sondern an mir. Mischa stand uns nicht im Weg, sondern ich. Aber das war ja schon länger klar.
Wir sollten aufstehen. Mit ihm hier zu liegen und mich um den Verstand küssen zu lassen, war eine Sache – Himmel, mit ihm zu schlafen wäre eine Sache, aber eine Beziehung einzugehen eine ganz andere. Dazu brauchte es mehr als Sex und Zärtlichkeiten und dafür war ich nicht bereit. Trotz allem.
„Aber ich“, fuhr er fort, „also … kein Flirten.“
Äh, wie?
„Kein Flirten mit wem?“, fragte ich verdutzt und er setzt sich wieder auf.
„Kein Flirten mit niemandem“, erwidert er fest, „Du wolltest meine Bedingungen wissen und das gehört dazu. Die meisten, die ich kenne, denken sich da nichts bei und haben kein Problem, wenn ihr Partner mit anderen flirtet, solange es dabei bleibt. Ich schon.“
Kein Flirten. Mischa vertrug es nicht, wenn sein Freund auch nur mit einem anderen Kerl schäkerte? Auch, wenn er wusste, dass nichts weiter passieren würde?
Hm.
Mittlerweile würde ich das zwar auch nicht mehr toll finden, aber vor der Trennung war es mir egal gewesen, wenn jemand Michael in meiner Gegenwart angeflirtet hatte. Da dachte ich schließlich noch, dass er nur mich mit nach Hause nahm.
Ich sah Mischa an, aber sein Gesicht verriet nichts. „Gibt’s dafür einen Grund?“
„Gibt’s den nicht immer?“ Seine Stimme klang weich, so dass ich die ausweichende Gegenfrage nicht als Zeichen, dass er nicht darüber sprechen wollte, interpretierte. Mehr noch, ich konnte sehen, dass er wollte, dass ich fragte. In seinen Augen, dem Zug um seinen Mund. Und dabei war ich eigentlich mies im Lesen von Körpersprache.
Dennoch zögerte ich. Ja, ich war ein bisschen neugierig, vielleicht sogar zwei bisschen. Aber was würde es bringen? Und noch viel wichtiger: War es eine gute Idee? Nicht nur hatte ich in den letzten Stunden mehr Zeit mit Mischa verbracht als je zuvor – immerhin waren wir seit der Nachhilfe gestern beieinander! – nicht nur hatte ich den Fehler gemacht, ihn in mein Bett zu zerren und ihn heute morgen nicht gleich wieder rauszuschmeißen, nein, ich war mir auch sicher, dass wir noch nie so miteinander geredet hatten. Wirklich geredet, da zählte weder Nachhilfe noch Streit noch „Hallo, wie geht’s?“. Das war doch alles zu viel aufs Mal und sowieso völlig ungesund!
„Verrätst du ihn mir?“
Heute Morgen hatte ich definitiv nicht alle Tassen in der Werkzeugkiste.
„Wenn du es wissen möchtest, sicher.“ Er lächelte. „Mein Ex, Olli … wir waren drei Jahre zusammen und er war – ist – ‚nicht schwul‘. Nicht offiziell, verstehst du?“
Ich nickte. So einer also. Da machten die Bedingungen gleich mehr Sinn.
„Wenn wir zusammen weg waren, dann immer ‚als Kumpels‘ – das war nichts Ungewöhnliches, er war ja auch vor der Beziehung mein bester Freund gewesen – aber es reichte ihm nicht, es nicht zu zeigen oder sagen; er wollte sicher sein, dass auch ja niemand Verdacht schöpfte.“ Er zuckte mit den Schultern. „Er hat sich an die Mädchen rangeschmissen, immer, bei jeder Gelegenheit. Er hat nie mit ihnen geschlafen, aber …“ Noch ein Schulterzucken.
„Warum bist du so lange bei ihm geblieben?“
„Ich habe ihn geliebt“, erwiderte Mischa schlicht. Seine plötzliche Offenheit war fast schon beängstigend. „Er war gleichzeitig mein bester, ältester und in der Schule einziger Freund gewesen, und ich dachte, er würde sich irgendwann outen.“ Diesmal war das Schulterzucken nur angedeutet. „Jetzt hat er eine Freundin. Und ich glaube, er ist wirklich glücklicher damit, weil er nicht mehr die ganze Zeit Angst haben muss, entdeckt zu werden.“
Das konnte ich mir nicht vorstellen. Wenn er wirklich schwul war, egal ob geoutet oder mit einer Geburtsurkunde aus Narnia, wie sollte er dann mit einem Mädchen glücklich werden? Das war doch absurd!
Aber auch völlig egal, denn Mischas Schultern waren plötzlich eingefallen und der Gesichtsausdruck von gestern war zurück. Nicht wegen mir, aber das machte die Sache nur unwesentlich besser.
„Der Typ is’n Volldepp.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich hoffe, seine Tussi ist ’ne richtige Xanthippe – die’s dreimal täglich besorgt bekommen will.“ Von ihrem eigentlich schwulen Typen, der dabei dementsprechend viel Spaß hatte. Urgs.
Mischa schnaubte. Seine Mundwinkel verzogen sich ein My in die richtige Richtung.
„Küss mich.“
Was?
Aber ich kam nicht dazu, nachzufragen, denn er fügte hinzu: „Tu’s einfach.“
Erst diesen Olli und dann mich. Mischa hatte auch nicht den besten Männergeschmack. Mindestens einen letzten Kuss hatte er verdient.  

 ***


„Hast du heute Zeit?“
Wir räumten gerade die Überreste des Frühstücks weg. Mischa verfrachtete Butter und Co. zurück in den Kühlschrank, ich spülte das Geschirr vor. Wir hatten es aus dem Bett raus geschafft und nun, mit anständigem Körperabstand und ohne hirnvernichtende Küsse, fühlte ich mich wieder mehr wie ich selbst. Mehr Herr der Lage.
„Nein“, erwiderte ich ohne mich zu ihm umzudrehen, „Ich treffe mich mit Klaus.“
„Oh.“
Ich konnte hören, dass ihm der Name nichts sagte und dass er gerne nachgefragt hätte, aber er tat es nicht.
„Er ist mein bester Freund – und praktischerweise mit Anita zusammen.“ Warum blubberte denn mein Mund unaufgefordert los? Wenn ich Abstand zu Mischa wollte, war es besser, wenn ich ihm nicht jedes beschissene Detail aus meinem Leben erzählte. „Wir müssen dringend zum Friseur.“
Er kam neben mich und öffnete den Küchenschrank für die Schokopops. Ich konnte seinen fragenden Blick spüren. Und seine Nähe auch, die akut mein Herr-der-Lage-sein bedrohte. Als ich kurz zu ihm sah, hob er eine Augenbraue. Und plötzlich konnte ich gar nicht anders, als mich zu erklären, weil – weil ich selbst wusste, dass ich noch nicht dringend zum Friseur musste und weil ich nicht wollte, dass Mischa glaubte, ich hätte geschwindelt.
„Also, vor allem Klaus muss hin, aber der mag es gar nicht, wenn Fremde ihn anfassen und wenn ich nicht mitgehe, geht er auch nicht und wenn er nicht geht, dann ist Anita unzufrieden und wenn Anita unzufrieden ist, dann lässt sie das gerne an mir aus.“ Ich holte Luft und zuckte mit den Schultern. „Also ist es für mich am besten, wenn wir zum Friseur gehen.“ Da er vor der Spülmaschine stand und ich mit Vorspülen fertig war, bedeutet ich ihm, aus dem Weg zu gehen. Der erneute Abstand war entspannend.
„Verstehe“, erwiderte er, obwohl ich das bezweifelte. Wer Anita nicht kannte, konnte gar nicht verstehen. „Und … heute Abend?“
Da … Mist.
Ich hätte mich nicht rechtfertigen sollen – es gab ja auch keinen Grund dazu! Wenn ich schon etwas vor hatte, hatte ich eben etwas vor. Hätte ich einfach nur die Klappe gehalten, hätte er wahrscheinlich angenommen, dass es viel mehr ‚Keine Zeit für dich‘ als ‚Bin wirklich schon verabredet‘ bedeutete. Aber so hatte es sich angehört, als würde ich bedauern, keine Zeit für ihn zu haben. Als würde ich mit ihm … ja, was eigentlich?
Wir hatten den Morgen danach schon viel zu sehr in die Länge gezogen.
Ich richtete mich auf und sah ihn direkt an. „Wozu?“
Mischa stockte, setzte ein Lächeln auf, zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, wir könnten vielleicht etwas trinken gehen oder – ins Kino vielleicht?“ Das angespannte Lächeln wurde zu einem echten Grinsen. „Du darfst den Film aussuchen, versprochen.“
Bat er mich gerade um eine … Verabredung?
Das war dann wohl mein Stichwort. Und das, obwohl ich mir die Worte immer noch nicht zurechtgelegt hatte und ich, wenn ich improvisierte, meist die falschen Worte in die falsche Reihenfolge setzte und mich entweder wie ein Idiot oder ein Arschloch verhielt. Oder beides. 
„Mischa …“
Er musste das, was folgen würde an meinem Ton erkannt haben, denn er kam einen halben Schritt auf mich zu und sagte rasch:
„Ich mach dir hier keinen Heiratsantrag. Mir ist bewusst, dass …“ Er brach ab, zog die Augenbrauen zusammen, sah mich wieder an. „… dass deine Einstellung sich so schnell nicht um hundertachtzig Grad gedreht hat. Ich bin nicht naiv.“ Er brummte. „Zumindest nicht so sehr. Ich dachte einfach, wir könnten etwas mehr Zeit miteinander verbringen. Uns besser kennenlernen.“
Und dazu mussten wir ins Kino? Filme und einen Fernseher hatten wir hier zu Hause auch; plus, hier hatte ich die Möglichkeit, in mein Zimmer zu verschwinden, wenn es mir zuviel wurde. Aber als ich genau das sagte – sans das mit dem Verschwinden, natürlich – schüttelte er den Kopf.
„Wir wohnen seit eineinhalb Monaten zusammen und ich weiß eigentlich immer noch nichts über dich – was die Erwähnung von Klaus gerade wieder bestätigt hat. Außerdem denke ich, dass uns etwas Abwechslung gut tun würde.“ 
Das hörte sich nicht gerade nach einer unterstützungswerten Idee an. Bis jetzt hatte Mischa besser kennenzulernen nämlich das Gegenteil von dem gebracht, was ich erhofft hatte, und ‚miteinander verbrachte Zeit‘ sowieso. Und die Hoffnung, dass mein dummes Herz jetzt plötzlich aufhörte, für ihn Überstunden zu schieben, stufte ich als verschwindend gering ein. Vor allem nach letzter Nacht.
Aber vielleicht … vielleicht setzte der Abhärtungseffekt endlich ein, wenn ich genug kleine Dinge fand, die mich an ihm störten. Und das würde ich, denn jeder hatte Macken, die andere nur den Kopf schütteln ließen. Zwei Menschen konnten nicht zu einhundert Prozent zueinander passen, ohne dass es auch nur etwas gab, dass sie an einander störte oder nervte.
Natürlich war mir klar, dass die Chance, dass der Abhärtungseffekt einsetzte, noch geringer war als die Hoffnung, dass sich mein Herz einfach mal eben umentschied. Und beides erschien mir umgekehrt proportional zur Wahrscheinlichkeit, dass ich irgendein riesengroßes blinkendes Warnschild übersah und dann am Ende wie nach Michael dastehen würde.
Aber er hat gesagt, Treue sei ihm wichtig. Er hat gesagt, nur monogam und das gelte auch für ihn!, begehrte mein Herz auf.
Das hätte Michael vielleicht auch, wenn ich ihn danach gefragt hätte.
Aber er ist nicht Michael! Michael hätte sich nicht mit Handarbeit zufrieden gegeben gestern, Michael hätte es auch nicht lassen können, wegen der Zombie-Angst zu sticheln, und –
Ich schaltete mein Herz auf stumm. Das Gezeter brachte mich gerade nicht weiter, immerhin sah Mischa mich immer noch abwartend an und so langsam wäre eine Antwort angebracht.
Und irgendwie … zum Teil war es sicher auf letzte Nacht zu schieben, zum Teil auf das Frühstück und zum Teil auf seine momentane Nähe und Anwesenheit in meinem Bett, aber irgendwie wollte ich Ja sagen. Wollte Zeit mit ihm verbringen, sehen, ob er sich in der Öffentlichkeit anders verhielt als zu Hause, herausfinden, ob er eine Person war, die im Kino laute Kommentare gab, ihrem Begleiter leise etwas ins Ohr flüsterte oder die ganze Vorstellung hindurch still blieb. Ob er lieber süßes oder salziges Popkorn aß. 
Aber das ging doch nicht. Keine Hoffnungen machen, das hatte ich mir doch vorgenommen.
„Mal ganz abgesehen davon, dass du mir das schuldig bist.“
Ich riss den Kopf hoch und sah direkt in sein frech grinsendes Gesicht. „Ich bin was?“
„Es mir schuldig.“ Das Grinsen wurde breiter. „Immerhin habe ich nicht nur Frühstück gemacht, obwohl ich immer noch auf das Drei-Gänge-Menü warte, sondern vorhin auch ohne Widerworte deine – sehr persönlichen – Fragen beantwortet und einen kleinen Seelenstriptease hingelegt. Da wäre es doch nur gut und recht, wenn du das erwiderst.“
Ein Seelenstriptease? Ich?!
Mischa lachte und kam noch einen Schritt näher. Und war damit eindeutig wieder zu nah.
„Aber das verlange ich ja gar nicht – sondern nur ein bisschen deiner Zeit. Ob du dann am Ende strippst oder nicht, bleibt dir überlassen.“
Oi, Kopfkino! Aber leider kein gutes, denn bei meinem Rhythmusgefühl und meinen Tanzfähigkeiten wäre strippen keine besonders erotische Angelegenheit. Aber wenigstens würde er was zu lachen haben.
„Du hast es freiwillig erzählt“, erwiderte ich fast schon trotzig und hätte mir dafür am liebsten selbst eine geschlagen. Darum ging es nicht, das war mir schon klar.
„Ja, und du kannst selbstverständlich Nein sagen, wenn du wirklich nicht willst. Aber ich würde mich freuen, wenn du, ebenfalls freiwillig, etwas zurückgeben würdest.“
Ein Geben und Nehmen, ja? Offenheit gegen Kino, für ihn. Und für mich?
Für mich bedeutete beides letzten Endes mehr Zeit mit Mischa und mehr Gelegenheiten, Dinge zu tun, die ich bei klarem Kopf nicht tun würde.
Aber ich hatte wissen wollen, was seine Bedingungen waren. Und das mit seinem Ex auch – obwohl ich wirklich nicht verstehen konnte, warum jemand wie Mischa drei Jahre seines Lebens an so einen Feigling verschwenden konnte.
Und nein, da war kein Muster erkennbar. An mich würde er gar nichts verschwenden – er hatte ja gesagt, nur ein bisschen gemeinsame Zeit.
„Ich verspreche auch, nicht über dich herzufallen.“
Was?
Als ich meinen Blick wieder auf ihn fokussierte, sah er mich ernst an. „Milo … ich bereue gestern Nacht nicht, aber eigentlich war es für mich schon zu viel. Zu nah. Solange du also mit meinen Bedingungen ein Problem hast, werde ich mich in der Hinsicht fernhalten.“
Das … hörte sich nicht wie ein Versprechen, sondern wie eine unheilvolle Ankündigung an. Und das, obwohl ich sowieso nicht vorgehabt hatte, es zu wiederholen.
Mischa legte die Hände an meine Hüften und zog mich an sich. „Komm schon. Ist doch nur Kino.“
Die grünen Sprenkel in seinen Augen und der Leberfleck auf seinem Hals schienen mich anzuflehen, jetzt nichts Dummes zu tun. Kino, das war doch wirklich nicht zu viel verlangt. Das taten Kumpels auch. Oder?
Ich war mir sicher, dass der Zwillingsleberfleck unterhalb seines Brustmuskels zustimmte, aber dahin konnte ich jetzt nicht schauen, wenn ich noch ein paar funktionierende graue Zellen behalten wollte.
„Nur ein bisschen gemeinsame Zeit.“ Ich sah ihn fragend an und er nickte.
„Genau.“
Kein Date, keine Verabredung, kein Versprechen, keine Bedingungen. Einfach nur ein bisschen gemeinsame Zeit.
Und wenn wir uns das oft genug sagten, wurde es vielleicht wahr.
Ha. Ha.
Trotzdem nickte ich. „Okay.“
Ich schob es auf den Leberfleck. Und die Sprenkel. Und den Zwillingsfleck, auch wenn ich es geschafft hatte, den nicht anzuschauen. Die Erinnerung an ihn reichte aber vollkommen, um mich außer Gefecht zu setzen.
Mischa drückte mir einen kurzen aber heftigen Kuss auf. Dann ließ er mich los und schnappte sich einen Lappen, um die beiden Betttischchen abzuwischen.
Was zum Henker …?!
„Hast du nicht eben gesagt, dass du das lassen wirst?“, fragte ich mehr überrascht als verärgert – okay, gar nicht verärgert, dafür kribbelten meine Lippen noch zu sehr.
Er sah kurz hoch, wischte dann aber betont erst zu Ende, bevor er wieder zu mir kam. Und obwohl ich es dieses Mal hatte kommen sehen, blieb ich stehen, als er die Arme um mich legte und sich zu mir beugte.
„Ich habe von gestern Nacht gesprochen. Von Sex. Hiermit …“ Noch ein Kuss, ebenfalls kurz, aber sanfter. „… kann ich gar nicht von selbst aufhören. Dazu müsstest du mir schon sagen, dass du es nicht willst.“ 
Er ließ mir genug Zeit, genau das zu tun, bevor er seine Lippen wieder auf meine legte, aber natürlich tat ich es nicht. Nicht wollen war anders. Ich wünschte mir bloß, es nicht zu wollen.
Spätestens jetzt war ich mir sicher, dass er ganz genau wusste, welche Wirkung seine Küsse auf mich hatten.

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