„W – was machst du?“
Es war ein Scherz. Ein Missverständnis. Es passierte gar nicht.
Es konnte nicht passieren.
„Nach was fühlt es sich an?“
Das würde ich nicht beantworten. Wäre ja noch schöner, wenn ich auch noch aussprechen würde, dass seine Lippen gerade – nicht daran denken.
„Sag mal, spinnst du?“, knurrte ich, konnte aber die Panik, die mich erfasst hatte, nicht ganz aus meiner Stimme heraushalten. Dieselbe Panik, die mich wie versteinert stehenbleiben ließ, wenn ich mich eigentlich umdrehen und ihn weit, weit wegschubsen sollte.
„Maybe, a little.“ Rubin nahm beim Sprechen die Lippen nicht von meiner Haut, so dass ich nicht nur seinen Atem, sondern auch jede einzelne Bewegungen fühlen konnte – aber das war kein Problem, denn es passierte nicht wirklich und deshalb konnte es auch nicht bewirken, dass sich das Kribbeln über den ganzen Rücken ausbreitete. Das konnte doch nicht wahr sein! Nicht hier, nicht jetzt, nicht mit ihm …
„Sprich gefälligst Deutsch mit mir!“
… und nicht während Englisch! Auch nicht auf Englisch – einfach gar nicht!
Ich wollte mich umdrehen, wollte mir selbst beweisen, dass ich ihn anschauen und wegschieben konnte, aber er legte seine Linke auf meine Hüfte – und ich blieb, wo ich war.
Scheiß Körper, scheiß Hormone! Das war doch unfair.
„Ich habe eine Freundin!“
„Felizitas“, erwiderte er und wanderte mit dem Mund langsam, fast ohne mich zu berühren, von meiner Halsbeuge zu meinem Nacken, „wir wissen beide, dass sie nur ein Accessoire ist.“ Als er bei meinem Halswirbel ankam, dort, wo es am stärksten prickelte, zog ich scharf die Luft ein.
„Du bist hier sensibel.“ Das war keine Frage, das war noch nicht einmal wirklich eine Feststellung, es war mehr … eine Aussage, die er damit bekräftigte, indem er seine Lippen ein wenig stärker darauf presste. Diesmal hatte ich meinen Atem unter Kontrolle, aber dass ich meinen Kopf unbewusst ein wenig nach vorne beugte, konnte ich nicht verhindern.
Scheiße, scheiße, scheiße! Wie zum Hades waren wir in diese Situation geraten?
Update-Info
07.01.2015: Ich wünsche allen ein (verspätetes) frohes neues Jahr! :)
Bei uns hat das Jahr leider mit einer Krebsdiagnose begonnen. Nicht meine, aber dennoch werden die Kapitel in absehbarer Zeit nur sehr unregelmäßig erscheinen.
Bei uns hat das Jahr leider mit einer Krebsdiagnose begonnen. Nicht meine, aber dennoch werden die Kapitel in absehbarer Zeit nur sehr unregelmäßig erscheinen.
Mittwoch, 4. Dezember 2013
Mittwoch, 27. November 2013
Von Edelsteinen und Papierengländern 05:
Der nächste Morgen war seltsam. Einerseits begann er wie jeder andere
dreiundzwanzigste Dezember bei uns, und das hieß: Er startete um acht Uhr mit
einer riesigen Portion Eierkuchen mit Schokostückchen, wahlweise mit Honig,
Marmelade, Schokocreme, Rohzucker oder Ahornsirup bestrichen, und dazu
literweise Kakao, Tee, O-Saft oder Cola, je nach Wunsch. Normalerweise mochte
es Mum nicht, wenn wir uns mit Zucker vollstopften, deshalb war das ein
seltenes Frühstücksvergnügen in meiner Familie. Damit Mum nicht die ganze
Arbeit alleine machen musste, standen wir alle abwechselnd am Herd und nachdem
die erste Ladung gegessen war, machte sich jeder selber neue, wenn er noch
welche wollte. Das war die beste Lösung, denn wenn wir den ganzen Teig gleich
zu Anfang verarbeitet hätten, wären die Dinger spätestens nach wenigen nur noch
lauwarm gewesen – und mal ehrlich: Lauwarme oder gar kalte Eierkuchen
schmeckten scheiße. Genau das wurde mir immer wieder bestätigt, wenn mir einer
auf dem Teller kalt wurde, während ich zu sehr in unsere Unterhaltung vertieft
war – Kitty amüsierte sich dann köstlich über mein Gesicht, wenn ich
es doch noch hinunterwürgte, aber sie selber war nicht weniger
wählerisch – sie konnte nur besser essen, zuhören und reden zur
gleichen Zeit – Frauen und ihr Multitasking, eben.
Das Frühstück zog sich auf diese Weise bis zehn oder halb elf hin und dann
teilten wir uns auf: Die eine Hälfte – normalerweise Pa und
Sue – spülten das Geschirr und räumten die Küche auf, während Mum,
Kitty und ich in den Keller gingen, den Weihnachtsschmuck heraussuchten und
dann Kiste für Kiste nach oben trugen – und das ging mindestens
ebenso lange wie das Geschirrspülen, denn wir hatten mehr als ein
Weihnachtsschmuckset und jedes Jahr mussten alle ins Wohnzimmer, damit
man am besten bestimmen konnte, wie und in welchen Farben dieses Jahr dekoriert
werden sollte. Ich liebte es, in den Keller zu gehen, denn es war jedes Mal wie
eine Entdeckungsreise, ein kleines Abenteuer, dessen versteckter Schatz aus
unseren schönsten Familienerinnerungen bestand.
Wenn die Küche fertig und das Wohnzimmer überstellt war, rumorten wir
meistens noch etwas in den Schachteln, suchten schon einmal unsere liebsten
Kugeln und Figürchen heraus und vertrieben uns die Zeit mit reden und suchen
und uns entspannen, bis es am Nachmittag auf den Weihnachtsmarkt ging und es
Zuckerwatte und Pfefferkuchen und – für alle außer
Kitty – auch Glühwein gab. Am Abend wurde dann der Baum ins Haus
geholt und geschmückt, was meist in der einen oder anderen Auseinandersetzung
endete, da unsere Geschmäcker doch recht verschieden waren. Trotzdem war der
dreiundzwanzigste Dezember meine persönliche Vorstellung von Harmonie und mir
sogar fast lieber als Weihnachten selbst – auch wenn ich natürlich
nichts gegen Geschenke einzuwenden hatte.
Das war ‚einerseits‘. Andererseits aber wusste ich, dass dieser
dreiundzwanzigste Dezember nicht wie die anderen werden würde, denn heute
konnte ich mich nicht im Schoß meiner Familie verstecken, und es würde auch
weder Zuckerwatte noch Glühwein für mich geben und der Pfefferkuchen, der würde
höchstens aus der hauseigenen Keksdose kommen. Heute musste ich den mir
liebsten Nachmittag im Jahr mit Rubin verbringen.
Und Englisch.
Mit Englisch und Rubin und seinem Amerikanisch.
Mittwoch, 20. November 2013
Von Edelsteinen und Papierengländern 04:
„Ich war überrascht dich hier zu sehen; ich dachte, du würdest direkt nach
Hause gehen um Deutsch zu lernen. Wie bin ich nur auf diese Idee gekommen?“
Zwei Meter vor mir gingen Megan und Kitty Hand in Hand, etwa ein Meter
neben mir ging Rubin – wir natürlich nicht Hand in Hand. Wir
waren schon fast beim Rand des Parks angekommen, als er das sagte; ich hatte
die Stille vorgezogen.
Ich warf ihm einen ärgerlichen Blick zu, da ich ganz genau wusste, auf was
er anspielte: Fee. Und darauf, dass ich sie mit der Ausrede abgewimmelt hatte,
dass ich lernen müsste. Musste ich ja auch und die Schneeballschlacht war nicht
geplant gewesen, aber ich würde mich nicht rechtfertigen, nicht vor ihm.
„Ich war selbst überrascht, als ich mit Kitty am Sankt Katharina vorbeiging
und sah, dass deine Freundin immer noch in der Kälte wartete, obwohl du
mindestens eine viertel Stunde vor mir gegangen warst.“
Wir hatten beide geradeaus gesehen, doch nun wandte er den Kopf, sah mich
an und verlangsamte sogar seine Schritte, was ich ihm aber nicht nachtat. Warum
sollte ich?
„Und du hast gewusst, dass Megan auf mich wartet, weil …?“
„Ich habe euch letzte Woche zusammen gesehen, als ich Miss Kitty abgeholt
habe.“
Ich spürte seinen Blick auf mir, als er wieder aufholte, dachte aber nicht
daran, ihn anzusehen, sondern hielt meine Augen fest auf Kitty gerichtet. Sie
und Megan traten gerade aus dem Park hinaus auf den Gehsteig und Megan zeigte
auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo sich ein – zumindest von
außen – altmodisches Café befand, über dessen Tür mit geschwungenen
Lettern Orchid Garden stand. Wenigstens war es wirklich gleich um die
Ecke.
„‚Miss Kitty‘, hm?“, fragte Rubin, „Sie ist süß, deine Schwester.“
Diesmal war ich es, der fast stehen blieb.
Ich mochte ihn nicht – wie ich vielleicht bereits erwähnt
habe – und ich mochte es generell nicht, wenn meine Freunde oder
Bekannten allzu freundlich zu Kitty waren. Und Rubin war für seine
Verhältnisse unverhältnismäßig freundlich – man könnte fast schon
sagen, lieb – zu Kitty gewesen.
Er betrachtete meine Reaktion und ich erkannte an seinem Blick, dass mir
der Satz Hände weg! auf der Stirn geschrieben stand.
„Keine Angst, ich steh nicht auf Kinder, Vyvyan.“
„Das will ich hoffen. Du lässt sie trotzdem in Ruhe.“
Er grinste, ganz leicht nur, aber ich fand, dass er das diese Tage viel zu
oft tat, vor allem heute hatte er es zu oft getan. Wenigstens war er danach
ruhig.
Mittwoch, 13. November 2013
Von Edelsteinen und Papierengländern 03:
Es gab nur etwas, was mein Hirn noch stärker blockieren konnte, als wenn
ein Lehrer mit Englisch ankam: wenn er mit einer Englischklausur ankam.
Wenn ich normalerweise in Grammatik schlecht war, dann war ich in Klausuren und
Tests einfach nur so unterirdisch, dass dagegen sogar der Hades wie ein
luxuriöses Penthouse erschienen wäre.
Kein Wunder also, dass ich an diesem Montag nach der Klassenarbeit ziemlich
mies gelaunt war. Alles, was Sue mir noch am Donnerstag erklärt hatte und was
ich am Sonntag beim Wiederholen halbwegs hatte lösen können, war weg gewesen.
Einfach schwupp und puff – wie gelöscht. Und dass Rubin
neben mir schon nach zwanzig Minuten fertig gewesen war, den Stift weggelegt
und den Rest der Stunde damit verbracht hatte, an mir vorbei aus dem Fenster zu
schauen, hatte es nicht besser gemacht.
Ich konnte nicht anders, als mich über ihn aufzuregen. Wäre es nur Englisch
gewesen, hätte ich ja nichts gesagt, aber er war einer der Menschen, die nur
desinteressiert in ihrem Stuhl hingen, die man nie lernend sah und die dann
doch immer locker super Noten kriegten. Jede Schule hatte einen oder zwei davon
und mir war klar, dass vor allem Neid dafür verantwortlich war, dass ich mich
so darüber ärgerte, aber für jemanden wie mich, dessen Noten zwar auch gut
waren – Deutsch und Englisch mal außen vor gelassen – der
sie sich aber hart erarbeiten musste, war es frustrierend. Sehr
frustrierend.
Natürlich war er auch jetzt mit seinen Gedanken irgendwo
anders – wo, wollte ich gar nicht wissen – und hatte den
Blick starr aus dem Fenster gerichtet. Als er noch nicht neben mir gesessen
hatte, war es mir nicht aufgefallen, aber er tat das wirklich oft, aus dem
Fenster schauen. Und immer öfter, zumindest hatte ich das Gefühl. Ich folgte
seinem Blick, aber außer ein paar Bäumen, Straßen und Häusern, alles mit einer
dicken Schicht Neuschnee bedeckt, vor einem Himmel, bei dessen bloßem Anblick
mir schon kalt wurde – das Wort eisblau bekam ganz neue
Dimensionen – konnte ich nichts sehen. Es wehte kein Wind in den
längst abgefallenen Blätter der Bäume, die Vögel waren auch alle schon in ihre
Winterressorts geflüchtet und alles in allem konnte man sagen, dass der Anblick
nicht an eine Szenerie hinter einem Fenster, sondern an ein Foto oder ein
Gemälde erinnerte. Ein verdammtes Stillleben. Und trotzdem war es anscheinend
interessanter als alles Lebendige hier im Zimmer.
Ich schüttelte den Kopf und hörte wieder dem Lehrer zu, der gerade zum
einhundertdritten Mal die Ursachen des ersten Weltkrieges wiederholte. Nicht
sehr spannend, zugegeben. Trotzdem, konnte Rubin nicht wenigstens so tun, als
ob er geistig anwesend wäre?
Mittwoch, 6. November 2013
Von Edelsteinen und Papierengländern 02:
Die nächsten Tage passte ich auf, ob er sich irgendwie anders verhielt,
oder ob er Anstalten machte, etwas zu sagen, aber er tat nichts.
Natürlich tat er nichts. Was wollte, was konnte er schon tun? Allen
sagen, dass ich nicht so war, wie ich mich gab?
Ah, große Überraschung! Wer war das schon.
Sogar wenn er ihnen sagen würde, dass ich ihnen nur vorspielte, sie zu
mögen: Wer würde ihm glauben? Einem Außenseiter wie ihm? Beweise hatte er
schließlich keine.
Und irgendwie konnte ich ihn mir nicht als Petze vorstellen – Petzen
waren entweder feiger oder temperamentvoller und vor allem ambitionierter, denn
irgendetwas wollten sie schließlich mit dem Petzen erreichen. Ehrgeiz aber war
etwas, das man bei Rubin nie sah. Der Unterricht schien ihn nicht zu interessieren,
die Mitschüler sowieso nicht, er war zwar Schulratspräsident, aber in keiner AG
und er gehörte auch nicht zu den Leuten, die ein Buch oder Musik mitbrachten,
um sich nicht mit den anderen unterhalten zu müssen; er tat es einfach so
nicht.
Also begann ich mich zu entspannen und nach einer Woche war ich wieder in
meinem üblichen Trott, Rubin hin oder her. Auch dass er neben mir saß
veränderte nichts. Das Spiel war immer dasselbe: Ich fuhr morgens mit dem Rad
zur Schule, unterhielt mich mit Theo und den anderen bis der Lehrer kam, Rubin
setzte sich beim zweiten Läuten ohne ein Wort neben mich, in den kurzen Pausen
unterhielt ich mich mit Theo & Co. und in der Mittagspause ging
ich – ganz der Gentlemen – zu Fee, um mit ihr und ihren
Freundinnen zu essen, da wir sonst so gar keine Zeit miteinander verbringen
würden – das hätte mir nicht viel ausgemacht, aber ihr wisst ja, wie
Mädchen sind. Und weil ich es auch wusste und jede Mittagspause wieder
miterleben durfte, war ich froh, dass meine Freunde bald auch mitkamen, da ich
und Fee ja sowieso nicht alleine waren. Danach war wieder Schule und wenn die
überstanden war, ging ich mit Fee zum Fahrradständer, holte mein Rad,
begleitete sie noch zur Bushaltestelle und war dann endlich erlöst.
Fee war, wenn ich das überhaupt erwähnen muss, natürlich meine
Freundin – ansonsten hätte ich nicht so viel Zeit mit ihr
verschwendet.
Mit Rubin sprach ich nur das Nötigste und das hieß im Klartext: Nur das,
was während irgendwelchen Gruppenaufgaben im Unterricht unumgänglich
war – zu meinem Glück aber bevorzugte er es auch, den Zusatz Arbeitet
in Zweiergruppen mit eurem Nachbarn zu ignorieren und möglichst viel
alleine zu lösen. Ein Hoch auf seine Asozialität!
Freitag, 1. November 2013
Von Edelsteinen und Papierengländern 01:
Blaue Augen, lange Wimpern, verschwitzte Locken. Sonnengeküsste Haut und
kräftige Hände, die auf meinem Hintern lagen, über mein Kreuz fuhren, hoch zu
den Schultern, und sich dann schließlich in meinen Haaren verkrallten. Mich
hinunter zogen, zu ihm. Als sich unsere Lippen berührten, explodierte etwas in
meinem Kopf …
Ich ließ mich neben Lukas fallen, keuchend, befriedigt, ausgelaugt.
„Wow. Das war … wow!“ Er drehte sich zu mir und grinste schelmisch. “Ich
kann nicht glauben, dass es jedes Mal noch besser wird! Wie machst du das?”
„Es braucht zwei dazu, vergiss das nicht“, antwortete ich ohne das
zufriedene Grinsen zu verstecken. Dass er Recht hatte und dass er seinen Teil
dazu beitrug bedeutete nicht, dass mir sein Lob nicht gefiel. Oder unsere
Treffen.
“Wir müssen damit aufhören”, sagte ich dennoch klar und deutlich und mit
nicht wenig Bedauern in meiner Stimme.
Lukas sah mich nur fragend an.
“Ich habe an jemand anderen gedacht, eben.”
“An wen?”
“Meinen verdammten
Mitschüler.”
*********
Ich kann ihn nicht ausstehen.
Das, liebe Damen und Herren, war mein erster Gedanke als ich ihn traf, an
meinem ersten Schultag: Ich kann ihn nicht ausstehen. Ich kam gerade vom
Sekretariat, wo mir eine Zicke von Sekretärin mit zu viel Lippenstift und
Männerparfüm einen Zettel in die Hand gedrückt und mich mit den Worten “Der
Klassenlehrer ist heute krank, frag den, wenn irgendwas ist” weggescheucht
hatte. Auf dem Zettel standen drei hingekritzelte Dinge:
2OG
N213
Rubin Alexander
Etwas verloren hatte ich vor der verschlossenen Tür gestanden und auf das
Papier gestarrt, bevor ich die Schultern gezuckt, mein bestes Lächeln
aufgesetzt und ein Mädchen, das gerade den Flur hinunterlief, gefragt hatte, wo
sich das Zimmer N213 befand. Natürlich hatte sie mir gerne Auskunft gegeben und
mich sogar hingebracht; etwas anderes hatte ich gar nicht erwartet, denn wer
würde mir schon nicht gerne Auskunft geben? Ich war nun mal ein sympathischer
Junge – zumindest machte ich den Eindruck, was ich zu einem nicht
unwesentlichen Anteil meinem Lächeln zuschrieb – zusammen mit der
Tatsache, dass ich gelernt hatte, mich so zu verhalten, dass die anderen
dachten, ich würde sie mögen, und das war ein wesentlicher Faktor
dafür, dass sie mich mochten. Ganz nach dem Motto:
Es ist einfacher zu lieben, wenn man weiß, dass man zurückgeliebt wird.
Und wenn wir ehrlich sind, dann wissen wir alle, dass das Leben um vieles
einfacher ist, wenn man, wenn schon nicht geliebt, dann mindestens gemocht
wird. Ich war noch nie jemand, der sich die Dinge unnötig kompliziert macht.
Nun stand ich also erneut vor einer Tür, diesmal einer offenen, und
überlegte gerade, welcher Teil von Rubin Alexander der Vorname
war – ich hoffte für den Kerl auf Alexander, aber da kein Komma
dazwischenstand zweifelte ich daran – als ein Junge in mein Blickfeld
trat.
„Hi“, sagte er ganz originell und musterte mich kurz, „suchst du wen?“
Ich nickte, warf noch einen Blick auf den Zettel und antwortete mit einem
schiefen Grinsen: „Ja, ich suche einen … Rubin? Ich bin neu hier und die
Sekretärin hat mir gesagt, ich soll mich an ihn halten.“
„Edelsteine wirst du hier keine finden.“
Junge Nummer eins und ich drehten uns um und ich sah mich einem weiteren
Jungen gegenüber, dessen desinteressierter Ausdruck und die angehobene
Augenbraue die Arroganz der Stimme perfekt widerspiegelten.
„Falls du nach mir suchst, dann lerne erst einmal, meinen Namen richtig
auszusprechen. Die Betonung liegt auf der ersten Silbe. Rubin, nicht Rubihn.
Und als wären die Worte alleine nicht genug, sprach er seinen Namen in
wundervoll grässlichem Amerikanisch aus – zumindest war ich mir fast
sicher, dass es Amerikanisch gewesen war. Es musste Amerikanisch sein, denn es
war die einzige Sprache, die ich so wenig leiden konnte, wie mir sein erster
Eindruck sympathisch war. Und nein, Amerikanisch war für mich kein Englisch.
Engländer sprachen Englisch, Iren und Schotten mitunter auch, wenn auch mit
Akzent, und von mir aus auch Australier – verdammt, sogar Inder
sprachen Englisch, aber das, was Amis von sich gaben, hatte kein Recht, sich
Englisch zu schimpfen.
Donnerstag, 31. Oktober 2013
Erkenntnisse und Pet Peeves des Monats, Oktober-Edition:
Erkenntnisse:
1. Der Sommer macht keinen Spaß, wenn man ihn vor dem Computer verbringt und nur von anderen hört, wie toll die Sonne doch scheint. Ich wünschte, wir würden uns kollektiv dafür entscheiden, dass jedem Menschen mindestens eine Woche Sonnenschein zusteht, Job, Uni, Praktika und anderer langweiliger Scheiß für den CV zum Trotz.2. Ich werde wohl nie lernen, mein Semester nicht übermäßig mit obligatorischen sowie optionalen Kursen und zusätzlich ner Menge Extramist zuzustopfen.
3. Folgt aus 2: Die grauen Herren sind zwar Arschlöcher, aber gerade beneide ich sie trotzdem. Wenn ich könnte, würde ich mir wohl auch ein bisschen Zeit stibitzen. (Nebenbei: Michael Ende ist genial, egal, in welchem Alter man ihn liest).
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